EssstörungARFID: Wenn Essen eine Belastung ist

Die Essstörung ARFID tritt meist bei Kindern oder Personen mit Untergewicht auf. Auch Erwachsene mit erhöhtem Körpergewicht können an ARFID leiden, so eine neue Studie.

2 Kinder mit Lebensmitteln, eins lacht, das andere verzieht das Gesicht
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Die Essstörung ARFID beginnt meist im Kindesalter.

Menschen mit der Essstörung ARFID schränken ihre Nahrungsaufnahme stark in Menge oder Vielfalt ein. Das führt zu körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen. Die Erkrankung beginnt meist im Kindesalter und wurde bislang vor allem bei Kindern oder Personen mit Untergewicht untersucht.

Eine neue Studie der Uni Leipzig zeigt nun: Auch Erwachsene mit erhöhtem Körpergewicht können an ARFID leiden. 

Essstörung ARFID

Für Menschen mit ARFID (englisch: Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder) ist Essen häufig mit Angst, Stress oder Ekel verbunden. Die Erkrankung äußert sich durch die Ablehnung bestimmter Nahrungsmittel, etwa wegen Geruch, Konsistenz oder aus Angst vor dem Verschlucken oder Erbrechen. Auch ein stark vermindertes Interesse am Essen kann ein Anzeichen sein.

Im Unterschied zu anderen Essstörungen wie der Magersucht spielt der Wunsch nach Gewichtsverlust keine Rolle. Dennoch ist das Risiko für Mangelernährung und Folgeerkrankungen ähnlich hoch.

Symptome im klinischen Alltag häufig fehlgedeutet

Für die aktuelle Untersuchung wurden 369 Erwachsene online befragt. Mit einem Teil wurde zusätzlich ein klinisches Interview durchgeführt. Dadurch konnten sowohl selbst berichtete Symptome als auch offizielle Diagnosen erfasst und in Bezug zu Körpergewicht und weiteren Gesundheitsmerkmalen gesetzt werden.

Die Befragung ergab:

  • 34 Prozent der Erwachsenen mit ARFID ein erhöhtes Körpergewicht aufwiesen. Diese Gruppe zeigte häufiger als Betroffene mit niedrigem Gewicht ein wählerisches Essverhalten, eine größere Alltagsbelastung und ein gesteigertes Risiko für Stoffwechselerkrankungen.
  • Besonders auffällig: 100 Prozent der Betroffenen mit erhöhtem Gewicht gaben psychosoziale Beeinträchtigungen an – im Vergleich zu 65 Prozent derer mit Untergewicht.

Ein bislang wenig beachteter Aspekt: Viele der befragten Personen mit höherem Gewicht gaben an, sich stark mit ihrer Figur und ihrem Gewicht zu beschäftigen. Diese Sorgen werden im klinischen Alltag jedoch häufig fehlgedeutet.

"Gerade bei Menschen mit höherem Körpergewicht bleibt ARFID oft unerkannt, weil die Gewichtssorgen irrtümlich als Hinweis auf andere Essstörungen oder als Folge von Diätverhalten gewertet werden", erklärt Studienleiterin Dr. Sonja Schmidt. So bleibe eine zutreffende Diagnose oft aus – mit potenziell gravierenden Folgen für die Versorgung. Um das zu ändern, müsse die Diagnostik überarbeitet und medizinisches Fachpersonal sensibilisiert werden. Bestehende Screeningverfahren sollten um gewichtsunabhängige Erkennungsmerkmale ergänzt werden. Auch müssten Therapieansätze angepasst werden – psychotherapeutisch als auch pharmakologisch, empfehlen die Studienautorinnen.

"Mit unseren aktuellen Ergebnissen schließen wir eine wichtige Forschungslücke und erweitern das Verständnis der Erkrankung auf eine bislang kaum beachtete Gruppe", sagt Schmidt, Wissenschaftlerin für Verhaltensmedizin.

Folgeuntersuchungen zur Entstehung und Behandlung der Erkrankung sind an der Universitätsmedizin Leipzig bereits in Planung.

Quelle: Universitätsmedizin Leipzig