
Seit mehr als 200 Jahren wird Digitalis aus den Blättern des roten Fingerhuts zur Behandlung der Herzinsuffizienz eingesetzt. Zu dieser Wirkstoffgruppe der Herzglykoside zählt auch das Medikament Digitoxin. Auch wenn es Hinweise für den Nutzen von Digitalis bei Herzinsuffizienz gab, ist es erst jetzt wissenschaftlich einwandfrei erwiesen:
Digitoxin hat einen deutlich positiven Effekt bei Herzinsuffizienz aufgrund einer verminderten Pumpfunktion und einer unzureichenden Entleerung der linken Herzkammer (HFrEF, Heart Failure with Reduced Ejection Fraction).
Digitoxin verringert Sterblichkeit und Krankenhausaufenthalte bei Herzinsuffizienz
10 Jahre lang haben Forschende von der Medizinischen Hochschule Hannover den Wirkstoff untersucht. In der groß angelegten DIGIT-HF-Studie mit mehr als 1200 Teilnehmenden wurden Sicherheit und Wirksamkeit untersucht.
An der DIGIT-HF-Studie waren über 50 Zentren in Deutschland, Österreich und Serbien beteiligt. Die Forschenden kommen zu einem eindeutigen Ergebnis: Eine Zusatztherapie mit Digitoxin verringert bei Patient*innen mit fortgeschrittener HFrEF die Sterblichkeit und die Anzahl der Krankenhausaufenthalte wegen Herzinsuffizienz.
Wirknachweis nach wissenschaftlichen Standards
Etwa 4 Mio. Deutsche leiden an chronischer Herzschwäche oder Herzinsuffizienz. Atemnot, geringe Belastbarkeit, Wassereinlagerungen bis hin zur Unbeweglichkeit und schwere Rhythmusstörungen sind die Folge. Die Erkrankung ist eine der häufigsten Ursachen für Krankenhauseinweisungen oder sogar an den Folgen sterben.
Bis etwa 2020 standen Digitalis-Präparate auf der Produktionsliste großer Pharmakonzerne. Aktuell wird Digitoxin nur noch als Generikum produziert. "Es ist aber in Deutschland weiterhin das am häufigsten verwendete Digitalispräparat – bisher allerdings ohne einen wissenschaftlich erwiesenen Wirknachweis", so der Hannoveraner Kardiologe Prof. Udo Bavendiek.
Der ist nun erbracht. "In der DIGIT-HF-Studie haben wir Patient*innen untersucht, bei denen die üblichen Therapien ausgereizt sind", sagt Prof. Johann Bauersachs. "Dass wir bei diesen sehr gut vorbehandelten Studienteilnehmenden mit der Digitoxin-Zusatzbehandlung eine so deutliche Verbesserung erzielen konnten, hat uns selbst überrascht." Zu den üblichen Medikamenten bei Herzinsuffizienz gehören etwa Beta-Blocker und Hemmstoffe des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems, die überschießend aktivierte Hormonkaskaden hemmen und so das Herz entlasten, sowie entwässernde Mittel (Diuretika).
Gegen akute Rhythmusstörungen helfen zudem Defibrillatoren, die als Implantat in den Körper der Patient*innen eingesetzt werden. Seit 2021 werden in Deutschland auch SGLT-2-Hemmer eingesetzt, die ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes zugelassen wurden, aber auch bei allen Formen der Herzinsuffizienz positive Effekte entfalten.
Dank der DIGIT-HF-Studie könnte Digitoxin nun eine weitere feste Säule bei der Behandlung von Menschen mit HFrEF-Diagnose werden.
Einsatz von Digitoxin auch bei gestörter Nierenfunktion
Bisherige klinische Studien wurden nahezu ausschließlich mit dem ebenfalls zu den Herzglykosiden gehörenden Wirkstoff Digoxin durchgeführt. Der Einsatz von Digoxin ist aber bei einer gestörten Nierenfunktion – dies ist bei Patient*innen mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz häufig der Fall – nur begrenzt möglich, da es nahezu ausschließlich über die Niere ausgeschieden wird.
"Bei Digitoxin liegt der Fall jedoch anders", erklärt Bavendiek. Digitoxin wird bei gestörter Nierenfunktion vermehrt über Leber und Darm ausgeschieden. Das bereits zugelassene Medikament ist somit auch für vorbelastete Patient*innen mit Nierenschwäche gut einsetzbar.
Sicher und kostengünstig
Zudem konnten die Ergebnisse der DIGIT-HF-Studie die Befürchtung entkräften, Digitoxin sei für bestimmte Patientengruppen mit Herzinsuffizienz gefährlich und könne zum Tod führen.
- "Richtig dosiert ist Digitoxin eine sichere Therapie bei Herzinsuffizienz und eignet sich auch zur Frequenzkontrolle bei Vorhofflimmern, wenn Beta-Blocker allein nicht ausreichen", betont Bavendiek.
- Hinzu kommt: Digitoxin ist ein Centartikel und drastisch günstiger als andere Medikamente gegen Herzinsuffizienz.
Basierend auf den bisherigen Studiendaten haben die Herzspezialisten bereits Empfehlungen für eine einfache und sichere Dosierung erarbeitet. Während früher oft 0,1 Milligramm Digitoxin verordnet wurden, liegen die aktuellen Empfehlungen bei 0,07 Milligramm pro Tag oder sogar noch weniger. Die DIGIT-HF-Studie konnte zeigen, dass bei dieser Dosierung ohne Sicherheitsprobleme Sterblichkeit und Krankenhausaufnahmen wegen Herzinsuffizienz vermindert wurden.
Quelle: Medizinische Hochschule Hannover


