Geschlechtersensible MedizinHormonell verschieden, aber medizinisch gleich behandelt?

Unterschiedliche Symptome, Krankheitsverläufe und Therapieeffekte bei Frauen und Männern. Trotzdem orientiert sich die Therapie vielfach am Standardpatienten. Warum sich das ändern muss.

2 Holzklötzchen mit Symbol für weiblich und männlich. Eine Hand dazwischen dreht einen Würfel von = auf ungleich
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Geschlechtersensible Medizin ist Voraussetzung für zeitgemäße, personalisierte Versorgung.

Frauen und Männer erkranken nicht nur unterschiedlich häufig. Sie zeigen bei vielen internistischen Erkrankungen auch unterschiedliche Symptome, Krankheitsverläufe und Therapieeffekte. Dennoch orientiert sich die medizinische Versorgung bis heute vielfach am sogenannten Standardpatienten.

Geschlechterunterschiede sind klinisch relevant

Die Endokrinologin und Diabetologin Prof. Petra-Maria Schumm-Draeger kennt diese Aspekte aus ihrer Praxis: In ihrer täglichen Arbeit sieht sie immer wieder, welche Unterschiede sich hinsichtlich Pathophysiologie, Risikofaktoren, Komplikationen und Behandlung bei Adipositas, Typ-2-Diabetes mellitus und metabolischem Syndrom auf das Geschlecht zurückführen lassen. Diese Unterschiede sind klinisch sehr relevant und beeinflussen die medizinische Versorgung maßgeblich.

Beispiel Typ-2-Diabetes

Am Beispiel des Diabetes Typ 2 erklärt Schumm-Draeger: Medizinisch betrachtet starten Frauen gegenüber Männern mit biologischen Vorteilen: Zum Beispiel haben sie im jüngeren Alter ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Erkranken Frauen jedoch an Typ-2-Diabetes mellitus, kehrt sich dieses Bild um. Das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen steigt deutlich an, und auch die Mortalität von jüngeren Frauen und Männern liegt bei bestehendem Diabetes auf vergleichbarem Niveau.

Insbesondere im Falle weiterer Risikofaktoren wie arterielle Hypertonie und Fettstoffwechselstörungen haben Frauen sogar ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Darüber hinaus zeigen sich bei Frauen mit Typ-2-Diabetes häufiger weitere Komplikationen. So treten chronische Nierenerkrankungen, Depressionen und Angststörungen bei ihnen häufiger auf als bei Männern.

Menopause zentraler Wendepunkt

Ein zentraler Wendepunkt ist die Menopause, in die die meisten Frauen um das 50. Lebensjahr kommen:

  • Bei vielen Frauen verschlechtern sich Blutdruck, Lipidstoffwechsel – insbesondere das LDL-Cholesterin –, die Blutzuckerkontrolle sowie die Körperfettverteilung.
  • Die hormonellen Schutzmechanismen gehen verloren und das kardiometabolische Risikoprofil nähert sich dem der Männer an oder übersteigt es sogar.

Diese Veränderungen haben unmittelbare Konsequenzen für Prävention und Therapie. Dennoch erleben wir in der Praxis, dass Frauen mit Typ-2-Diabetes häufig unzureichend behandelt, förmlich „untertherapiert“, werden, so die Endokrinologin. Empfohlene Therapieziele, etwa beim HbA1c, erreichen Frauen demnach seltener als Männer.

Auch in der medikamentösen Therapie zeigen sich relevante geschlechtsspezifische Unterschiede. Frauen entwickeln unter verschiedenen antidiabetischen Therapien häufiger Nebenwirkungen, erreichen trotz höherer Dosierungen teilweise schlechtere Therapieerfolge und brechen Behandlungen häufiger ab. Gleichzeitig profitieren sie bei bestimmten Wirkstoffklassen – etwa bei GLP-1-Rezeptor-Agonisten – stärker von der Gewichtsreduktion.

Diese Unterschiede müssen in Therapieentscheidungen konsequent berücksichtigt werden.

Frauen seltener leitliniengerecht behandelt

Die Beachtung des Hormon-Status, besonders nach der Menopause ein entscheidender Faktor, geht in die therapeutischen Überlegungen in der Regel nicht ein. Hinzu kommt, dass Frauen insgesamt seltener leitliniengerecht behandelt werden und insbesondere weniger kardiovaskuläre Präventionsmaßnahmen erhalten als Männer.

Atypische Symptome, höheres Alter bei Diagnosestellung und mehr Begleiterkrankungen tragen dazu bei, dass Diagnosen verzögert gestellt und Therapien später oder weniger konsequent eingeleitet werden.

Geschlechtersensible Medizin ist kein Zusatzwissen

Geschlechtersensible Medizin bedeutet für Frauen, dass sie erst einmal angemessen behandelt werden. Geschlechtersensible Medizin ist ein zentraler Baustein auf dem Weg zu einer präziseren, personalisierten Medizin – und damit zu mehr Versorgungsgerechtigkeit.

Schumm-Draeger betont, nicht nur in der Endokrinologie und Diabetologie, sondern in allen Schwerpunkten der Inneren Medizin besteht großer Forschungsbedarf und die Notwendigkeit, geschlechtsspezifische Leitlinien zu entwickeln. Hier liege das große Potenzial, die tägliche klinische Diagnostik und Therapie, insbesondere aber auch die Prävention im Sinne einer geschlechtsspezifischen Medizin, zu fördern.

In der Endokrinologie und Diabetologie ist die Datenlage zum Einfluss des Geschlechts vor allem für Diabetes mellitus, Adipositas und assoziierte kardiovaskuläre Erkrankungen zunehmend klar. Ein Paradigmenwechsel hin zu einer geschlechtsspezifischeren Behandlung habe es bislang jedoch noch nicht gegeben. Hier besteht dringender Handlungs- und Forschungsbedarf mit dem Ziel, geschlechtsspezifische Leitlinien für Prävention, Diagnostik und Therapie zu etablieren.

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin hat im vergangenen Jahr die Kommission für Geschlechtersensible Medizin eingerichtet, um die Expertise aus allen internistischen Schwerpunkten zusammenzuführen.

Geschlechtersensible Medizin sei kein Zusatzwissen, sondern eine Voraussetzung für zeitgemäße, personalisierte Versorgung. Wenn wir bekannte Unterschiede zwischen Frauen und Männern weiterhin ignorieren, riskieren wir Unter- und Fehlversorgung, so Prof. Petra-Maria Schumm-Draeger.

Quelle: Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin/29.1.2026