
Vor einigen Tagen wurde ich von einem Herrn Mitte 50 gefragt, ob es sinnvoll sei, dass er zur Steigerung seiner Libido vom Arzt Zink verschrieben bekomme, und ob das auch schädlich sein könne.
In meiner Praxis wurde mir diese Frage noch nicht gestellt. Einem Teil der endokrinologisch tätigen Kollegen, mit denen ich sprach, war dieses Thema geläufig, vielen aber nicht. In neueren endokrinologischen Lehrbüchern konnte ich Zink als Therapeutikum zur Testosteronsteigerung nicht finden: In dem Buch unserer Gesellschaft „Referenz Endokrinologie und Diabetologie“ [1] wird Zink nur zur Reduktion von Kupfer bei Morbus Wilson erwähnt, nicht jedoch beim Hypogonadismus. Oder beim Diagnose-Algorithmus bei Symptomen eines Hypogonadismus oder der Tabelle Zielparameter und Messgrößen auf S. 333. Hypogonadismus. Ebenfalls fand ich im Kapitel Altershypogonadismus keine Erwähnung von Zink, und auch nicht im Kapitel über die männliche Infertilität. Im Buch von Christian Wüster „Endokrinologie und Osteologie in der Hausarztpraxis“ [2] sah ich auch keine Erwähnung von Zink.
In anderen Disziplinen wie etwa der Nephrologie und Urologie/Andrologie hingegen liegen über Zink und Testosteron, z.B. zur Substitution von Zink an (Dialyse-)Patienten mit niedrigem Zinkspiegel und Hypogonadismus zahlreiche Publikationen vor [3][4][5].
Bedeutung von Zink
Über die Bedeutung von Zink als Spurenelement bei zahlreichen biologischen Prozessen existieren zahlreiche Arbeiten, so ein Review über „The Neurobiology of Zinc“[6].
Zink ist ein essenzielles Spurenelement, das eine wichtige Rolle bei der Produktion und Regulierung von Testosteron in den Hoden spielt: Zink ist nötig für die Aktivität der 5-alpha-Reduktase, welche Testosteron in seine aktive Form Dihydrotestosteron (DHT) umwandelt.
Zinkmangel kann auch die Aktivität der männlichen Hormonrezeptoren vermindern. Supplementierung steigert den Testosteronspiegel nur bei Zinkmangel: ein erniedrigter Zinkspiegel ist direkt mit einem Hypogonadismus verbunden. Ältere Männer mit nachgewiesenem Zinkmangel, oft mit Malabsorption, profitieren von einer Zinksubstitution, welche den Testosteronspiegel signifikant erhöht, ebenso Leistungssportler, bei denen durch Übertraining der Testosteronspiegel gesenkt sein kann.
Zink fördert die Spermienproduktion und auch Libido und Potenz, die Prostata und das Immunsystem, ebenso Muskelaufbau und weitere biologischen Prozesse.
Einer der befragten Kollegen, ein renommierter Internist mit endokrinologischem Schwerpunkt, bestimmt bei allen seinen endokrinologischen, aber auch gastroenterologischen, rheumatologischen und anderen Patienten immer schon bei der Erstvorstellung Zink und verordnet dann bei niedrigen Spiegeln 25 mg Zinkorotat. Er verriet mir, dass er, da schon über 60 Jahre, selbst auch täglich eine Tablette nehme.
Soll man routinemäßig den Zinkspiegel messen?
Bei einem allgemeinen Check-up wird von den deutschen Fachgesellschaften die routinemäßige Zinkmessung nicht empfohlen, da ein ernster Mangel bei ausgewogener Ernährung hierzulande sehr selten vorkommt. Wohl aber, wenn klinische Anzeichen eines Mangels (Müdigkeit, Hautprobleme, Haarausfall, brüchige Nägel, häufige Infekte oder Wundheilungsstörungen) vorliegen. Oder bei bestimmten Risikofaktoren (ältere Menschen in Pflegeeinrichtungen, Vegetarier/Veganer, chronische Darmerkrankungen, bei Libido- und Potenzproblemen, bei bekanntem erniedrigtem Testosteronspiegel).
Keine Einnahme auf Verdacht!
Zink soll nicht vorbeugend, sondern nur nach ärztlicher Diagnose eingenommen werden, da zu viel Zink auch zu Intoxikationserscheinungen führen kann. Die normale Zinkkonzentration im Blutserum liegt bei 70 – 150 µg/dl.
Medikamentös bei diagnostiziertem Zinkmangel: 10 – 50 mg Zink pro Tag.
Natürliche Zinkquellen (Auswahl)
- Austern
- Rindfleisch
- Leber
- Käse
- Haferflocken
- Nüsse
- Kürbiskerne
- Linsen
- Vollkornprodukte
- Erbsen
- Linsen
- Mais
- Johannisbeeren
- Erdbeeren
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie
- Diederich S et al. Referenz Endokrinologie und Diabetologie. Stuttgart: Thieme; 2020
- Wüster C. Endokrinologie und Osteologie in der Hausarztpraxis. Berlin: Springer; 2021
- Mahajan SK et al. Effect of Zinc Therapy on Uremic Hypogonadism: A Double Blind Study. Proc Clin Dial Transplant Forum 1979; PMID: 121815 Clinical Trial
- Vecchio M et al. Treatment Options for Sexual Dysfunction in Patients with Chronic Kidney Diseayse: A Systematic Review of Randomized Controlled Trials. Clin J Soc Nephrol 2010; PMID: 20498250
- Nasrollahzahdeh J et al. Effect of Zinc and Vitamin E on Blood Testosterone and Inflammatory Markers in Male Patients undergoing Heart Surgery. Int J Endocrinol Metab 2024; PMID: 40071246
- Frederickson C, Kuh JY et al. The Neurobiology of Zinc. Neuroscience 2005; 6:449-462


