Nordic Diet: Wie es dazu kam

Die Nordic Diet ist eine gesunde Ernährungsform mit heimischen Zutaten und steht der mediterranen Ernährung in nichts nach. Wie es dazu kam.

Inhalt
Nordische Lebensmittel: Pastinake, Petersilie, Fisch, Birne, Apfel, Käse, Rapsöl, Brot, Beeren, Joghurt
M. Bergmann/Thieme
In Nordeuropa heimische und gesunde Lebensmittel machen die Nordic Diet aus.

Knackige Nüsse, aromatisches Kohl- und Wurzelgemüse, süße Beeren, frisches Wild oder Fisch: Die Nordic Diet bringt Abwechslung auf unsere Tische. Dazu ist sie auch extrem gesund und steht der berühmten Mittelmehrdiät, deren Wirksamkeit schon lange bewiesen ist, in nichts nach.

Hohe Sterblichkeit durch chronische Erkrankungen

Noch vor einigen Jahrzehnten war die Sterblichkeit in Nordeuropa durch die dort typische regionale Ernährung ausgesprochen hoch. Besonders die in Finnland übliche Ernährungsweise war lange mit einer hohen Sterblichkeit durch chronische Erkrankungen verbunden. Woran das lag, konnte die Seven-Countries-Studie zeigen: Sie brachte eklatante Unterschiede bezüglich des Verzehrs gesättigter Fette innerhalb Europas zum Vorschein.

Diese Studie umfasste 16 Kohorten mit etwa 13.000 Männern aus 7 Ländern (USA, Finnland, Niederlande, Italien, ehemaliges Jugoslawien, Griechenland und Japan). Nach dem Beobachtungszeitraum von 15 Jahren zeigten sich eklatante Unterschiede bezüglich der KHK-bedingten Sterblichkeit. Im Gegensatz zu den Mittelmeerländern war die 15 Jahres Mortalität in Nordeuropa dreimal so hoch!

Die Auswertung der Verzehrsgewohnheiten ergab für die Mittelmeerländer folgendes Bild: Geringere Aufnahme an gesättigten Fettsäuren, hohe Zufuhr an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, sowie einem vergleichsweise hohen Anteil an Kohlenhydraten in der Nahrung. Interessanterweise waren die Gesamtfettaufnahme sowie die Cholesterinmenge gleich. Den großen Unterschied machte die Art der Nahrungsfette aus.

In Ostfinnland war der Verzehr an gesättigten Fettsäuren als auch die Inzidenz an KHK im Vergleich zu anderen Ländern am größten. Eine hohe Zufuhr an gesättigten Fettsäuren korrelierte mit einer höheren KHK-Mortalität.

Nordkarelien-Projekt

Nordkarelien ist eine Region in Finnland, die die weltweit höchste Rate an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eine besonders niedrige Lebenserwartung der männlichen Bevölkerung hatte. Daher wurde das Nordkarelien-Projekt gestartet und sollte unter anderem zu einer gesunderen Lebensweise aufklären.

Kernstück des Interventionsprojekts auf Bevölkerungsebene war die Reduzierung der in der Sieben-Länder-Studie identifizierten Risikofaktoren.

Die erfolgte Ernährungsumstellung bestand u.a. im Ersatz von Butter durch Rapsöl, einem höheren Gemüsekonsum sowie eingeschränktem Salz- und Tabakkonsum. Sie hatte zusätzlich Einfluss auf die Verbesserung anderer Risikofaktoren wie dem Serumcholesterinspiegel, der als ein kardiovaskulärer Risikofaktor galt.

Durch die Ernährungsumstellung sank der Serumcholesterinspiegel in Nordkarelien zwischen 1972 und 2012 um 20% bei Männern und Frauen.

1/3 aller weltweiten Todesfälle sind das Resultat kardiovaskulärer Erkrankungen. Diese Erkrankungen sind häufig assoziiert mit einer ungesunden Lebensweise, einer schlechten Ernährung und Substanzenmissbrauch.

Da nun klar war, dass viele Krankheiten ernährungsbedingt sind, sollten neue Ernährungsweisen die Gesundheit der Gesamtbevölkerung verbessern – und zwar solche, die in den nordischen Ländern akzeptiert werden. Die Einführung der als gesund bekannten mediterranen Ernährung in den nordischen Ländern gestaltete sich trotz der erwiesenen erheblichen gesundheitlichen Vorteile als schwierig. Es gelang nur schlecht, die Menschen in nordischen Ländern dazu zu bewegen, sich mediterran zu ernähren.

Dazu waren die Essgewohnheiten einfach zu verschieden. Während bestimmte Gemüsesorten und Fisch sowohl Teil der mediterranen als auch der nordischen Ernährungsweise waren, waren die Verwendung typisch mediterraner Lebensmittel wie Olivenöl oder bestimmter Früchte schwer zu vermitteln. Das wurde auf Schwierigkeiten bei der Umstellung üblicher Ernährungsgewohnheiten, kulturelle Unterschiede, geschmackliche Vorlieben sowie die begrenzte Verfügbarkeit verschiedener Lebensmittel zurückgeführt. Gerade die regionalen und saisonalen Lebensmittel in nordischen Ländern unterschieden sich von denen, die man in südlichen Ländern üblicherweise bekam und aß.

Da nun klar war, dass die häufigsten, nicht erblich bedingten Krankheiten ernährungsbedingt sind, sollten jetzt Ernährungsweisen dazu beitragen, die Gesundheit der Gesamtbevölkerung zu verbessern.

Diet bedeutet nicht Verzicht

Der Begriff Diät wird im deutschen Sprachgebrauch leider immer mit (Kalorien-)Verzicht in Zusammenhang gebracht und ist negativ behaftet. Dabei sollen veränderte Lebens- und Ernährungsweisen uns doch bereichern, zu mehr Gesundheit und weniger Krankheiten führen.

Der Begriff der Nordic Diet steht für eine Ernährungsweise und nicht für Kalorienreduktion.

Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen haben klar ergeben, dass es reichlich gesunde Lebensmittel und gesundheitsfördernde Substanzen in so vielen regionalen Produkten gibt, und dies in Deutschland, Norwegen, Italien oder Griechenland.

Gesunde Ernährungsweise für Nordeuropa

Der Fragestellung, eine adäquate Ernährungsweise zu finden, nahmen sich die Forscher Elling Bere und Johannes Brug an. Sie wollten für die nordischen Länder eine ebenso gute wie gesundheitsfördernde und umweltfreundliche Ernährung schaffen, wie sie in den Mittelmeerländern existiert.

Viele Studien hatten bereits gezeigt, dass sich kulturell fremde Ernährungsweisen nicht einfach so auf eine andere Kultur und Region übertragen lassen. Deshalb sollte die mediterrane Ernährung nicht eins zu eins übernommen werden.

Die Gründe für die ausbleibende Akzeptanz der mediterranen Ernährung in Nordeuropa waren vielfältig:

  • Essgewohnheiten und Gerichte sind so ungewohnt, dass sie keine Akzeptanz finden,
  • im Land nicht kultivierte oder angebaute Nahrungsmittel sind schwer zu beschaffen und teuer.

Letztlich kann es auch nicht wünschenswert sein, dass sich die ganze Welt nur noch mediterran ernährt.

Nordeuropäisches Äquivalent zur mediterranen Ernährung

Die meisten Regionen haben seit jeher 4 oder 5 Lebensmittelhauptgruppen, aus denen man eine ausgeglichene, gesunde Ernährung erstellen könnte:

  1. Brot, Reis, Getreide oder andere stärkehaltigen Lebensmittel
  2. Obst und Gemüse
  3. Milchprodukte
  4. Fleisch, Fisch und Alternativen dazu
  5. Öle und Fette

Es war also naheliegend, eine gesunde, lokale, kulturell gewohnte Ernährung auch außerhalb des Mittelmeerraums zu entwickeln. Bere und Brug schlugen eine Zusammenstellung für eine "Healthy Nordic Diet" vor (veröffentlicht 2009). Die Lebensmittelkomponenten sollten folgende Kriterien erfüllen:

  • Es sollten traditionelle und häufig verzehrte nordische Lebensmittel sein.
  • Die Lebensmittel sollten in nordischen Ländern in großem Maßstab angebaut werden, ohne das externe Energiequellen wie Gewächshäuser benötigt werden.
  • Sie sollten ein höheres gesundheitsförderndes Potential haben als ähnliche Produkte aus der gleichen Gruppe.
  • Wenn möglich, sollten sie als ganzes Lebensmittel verzehrt werden und nicht nur in kleinen Mengen wie z.B. Gewürze.

Bere und Brug konnten 6 Lebensmittelgruppen für eine Healthy Nordic Diet mit den folgenden gesünderen und nachhaltigen Nahrungsbestandteilen aus nordischen Ländern füllen:

  • mit heimischen wilden Beeren, Kohl,
  • heimischem Fisch und Meeresfrüchten,
  • heimischen Wild- und Weidetieren,
  • Rapsöl,
  • Hafer, Roggen und Gerste. 

Expert*innen sind sich einig, dass manche Gruppen deutlich häufiger gegessen werden sollten, hauptsächlich Obst und Gemüse. Andere dafür weniger. So wird empfohlen, dass eher ballaststoffreiche Produkte wie Vollkornbrot verzehrt werden sollten, fettarme Milchprodukte, Fisch und Geflügel rotem Fleisch vorzuziehen ist und pflanzliche Öle mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren anstelle von tierischen Fetten zu wählen wären.

Man versuchte, ursprüngliche Lebensmittel und vergessene nordische Essgewohnheiten wieder mehr in das Blickfeld zu rücken. Sowie viele Komponenten der nordischen Ernährung, die seit vielen Jahren gegessen werden, wieder mehr einzusetzen.

Lesen Sie in Teil 2, wie die Nordic Diet umgesetzt wird.

Dr. med. Daniela Oltersdorf ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Ernährungsmedizinerin und Buchautorin. Sie ist in eigener Praxis in Calw mit dem Schwerpunkt Ernährungsmedizin niedergelassen.

www.ernaehrungsmedizinoltersdorf.de

Instagram: @dr.danielaoltersdorf

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