FernheilungWas sagt die Wissenschaft: Ist Remote Healing möglich?

Glaube, Placebo oder Wissenschaft? Dr. Peter Niemann ist der Frage nachgegangen, wie stabil das wissenschaftliche Fundament für Remote Healing ist.

Inhalt
Mann liegt auf einer Behandlungsliege, Therapeutin hält ihre Hände über seinem Oberkörper
New Africa/stock.adobe.com - Stockphoto. Posed by a Model.
Remote Healing bezeichnet vielfältige Heilmethoden, die ohne körperlichen Kontakt stattfinden, z.B. in einer Reiki-Sitzung.

Das Konzept des Remote Healing hat in vielen Kulturen und spirituellen Traditionen eine lange Geschichte. In jüngerer Zeit hat es an Popularität gewonnen. Insbesondere in der Alternativmedizin und im Wellness-Bereich wird es als Ergänzung zu konventionellen Therapien angeboten. Anhänger berichten eine Reduktion von Stress, Schmerzen und emotionalen Belastungen.

Das wirft die Frage auf: Handelt es sich um bloßen Glauben, Placebo-Effekte oder gibt es dafür wissenschaftliche Grundlagen?

Definition: Remote Healing

Remote Healing ist auch als Fernheilung oder Distant Healing bekannt.

Es bezeichnet die Praxis, durch geistige Absicht, Gebet, Meditation oder Energieübertragung eine heilende Wirkung auf eine Person (oder Gruppe) auszuüben, ohne jeglichen körperlichen Kontakt und mit teilweise großer räumlicher Distanz.

Beispiele sind Gebete in religiösen Kontexten, Reiki-Sitzungen oder auch bioenergetische Heilmethoden.

Kleine Historie des Remote Healing

Remote Healing reicht bis in antike Zivilisationen zurück. In der Bibel finden sich Berichte von Heilungen durch Gebet. Im Hinduismus und Buddhismus spielen meditative Praktiken eine Rolle. Die traditionelle chinesische Medizin betrachtet das Qi als übertragbare Energie. Im 20. Jahrhundert fand Remote Healing verstärkt während der Hippie-Zeit Einzug in die Popkultur und ist seit Jahrzehnten in den allermeisten Ländern des Westens verbreitet.

In jüngerer Zeit hat Remote Healing einen massiven Zuwachs an Beliebtheit erfahren. Gründe dafür sind eine immer stärkere digitale Vernetzung. Insbesondere während der Corona-Pandemie mit Lockdowns und Abstandsreglungen erfuhr Remote Healing einen massiven Zuwachs an Beliebtheit, da es kontaktlos praktiziert werden kann.

Theoretische Modelle

Bevor auf die wissenschaftliche Grundlagen eingegangen wird, lohnt ein Blick auf die theoretischen Modelle, die Remote Healing plausibel machen sollen. Traditionell wird es mit einem "Biofeld" oder "Lebensenergie" erklärt, ähnlich dem Prana im Yoga oder Qi im Reiki. Diese Energie wirke demnach nicht lokal sowie unabhängig von Raum und Zeit. Bestimmte Heiler postulieren, dass sie diese Energie bündeln und dann auf eine Person mit heilender Wirkung richten können.

Quantenphysik

Ein weiterer populärer Erklärungsversuch stammt aus der Quantenphysik. Das Phänomen der Quantenverschränkung (Entanglement) beschreibt, wie Teilchen unabhängig von der Distanz korreliert sind. Befürworter argumentieren, dass Bewusstsein ähnlich wirken könnte: Absicht beeinflusst Materie auf Distanz, es geht hier nicht um direkten Kontakt wie bei zwei Billardkugeln, sondern darum, dass die eine Kugel die andere aus der Ferne heraus beeinflussen kann.

Bewusstseinsfeld

Ein weiteres Modell ist das "Bewusstseinsfeld" oder "Psi-Phänomen", untersucht in der Parapsychologie. Hier wird angenommen, dass Intention physiologische Veränderungen bei einem Empfänger auslösen kann, etwa durch Veränderungen im autonomen Nervensystem. Studien testen das, indem eine Person versucht, die Herzfrequenz oder die Hirnströme einer anderen zu beeinflussen – zum Teil mit beachtlichem Erfolg [1]. Meta-Analysen zeigen ebenfalls Wirkungen, aber oft ist die Effektgröße, also die Wirkung, nicht besonders groß [2].

Placebo-Effekt

Eine andere Erklärung könnte auch der Placebo-Effekt sein: Wenn eine Person weiß oder glaubt, dass sie geheilt wird, aktiviert das bei ihr endogene Systeme wie Endorphine oder das Immunsystem. In Remote Healing könnte also der Glaube an die Absicht des Heilers ähnlich wirken – Glaube versetzt bekanntlich Berge. All das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man Publikationen zu diesem Thema liest.

Wissenschaftliche Arbeiten zum Remote Healing

Mittlerweile gibt es Hunderte von Studien zum Thema Remote Healing, was eine Analyse erschwert. Deshalb ist es am einfachsten bei der Evaluierung auf zusammenfassende Literatur zum Thema zurückzugreifen, wie Metaanalysen oder systematische Übersichtsarbeiten.

Positive Effekte auf Schmerzen und Lebensqualität

Eine Arbeit aus dem Jahr 2000 hat 23 Studien mit insgesamt 2774 Probanden zusammengefasst und kommt zu einem positiven Schluss: In 57% der Fälle kam es zu einer positiven Veränderung der Gesundheit in Form von Schmerzreduktion und einer Verbesserung der Lebensqualität. Hierbei zeigten sich Gebete und die in den USA erfundene Remote-Healing-Methode „Therapeutic Touch“ als wirkungsvoll [3].

Positive Effekte, aber große methodische Schwächen

Eine 15 Jahre später durchgeführte Analyse von 57 Studien zu diesem Thema bestätigte ebenfalls eine positive Wirkung von Fernheilung, zumindest im Vergleich zu einer Kontrollgruppe oder Placebo. Allerdings wiesen knapp die Hälfte der untersuchten Studien eine schlechte methodische Qualität auf, was die Aussagefähigkeit damit in Frage stellte. Zusätzlich gab es die Schwierigkeit, dass es meist unmöglich war herauszufinden, ob die ausgeübte Fernheilungsmethode bei jedem gleich stark eingesetzt wurde und inwieweit Probanden aus der Kontrollgruppe nicht auch Behandlung (oder Gebete) durch andere erhalten hatten. Es wurde eine Vielzahl an Faktoren gefunden, die die Ergebnisse hätten beeinflussen können, ob nun verstärkend oder abschwächend. Außerdem wurde festgestellt, dass mehrere groß angelegte, multizentrische Studien keine erkennbaren Unterschiede zwischen den verschiedenen Probandengruppen hatten feststellen können [4].

Remote-Healing-Methoden bei nicht menschlichen Organismen

In einer anderen Untersuchung untersuchten Forschende Studien, in denen Tiere, Pflanzen oder Zellkulturen mittels Fernheilmethoden behandelt wurden. Ein Grund war, den genannten verzerrenden Faktoren aus dem Weg zu gehen, denn hier sind wissenschaftliche Kriterien leichter zu überprüfen. Tatsächlich konnten positive Unterschiede gefunden werden: Bei den 34 untersuchten wissenschaftlichen Studien an nicht-menschlichen Probanden wurden zum Teil deutliche Besserungen hinsichtlich der Widerstandsfähigkeit gegenüber Giftstoffen, der Geschwindigkeit des Wachstums oder anderen positiven Gesundheitsindikatoren gefunden. Die Fernheilungsmethoden hatten die Pflanzen, Tiere und Zellkulturen demnach positiv beeinflusst [5].

Kritik

Trotz positiver Befunde ist die Kritik an Remote-Healing-Studien massiv. Viele Skeptiker sehen sie als Pseudowissenschaft, da keine messbare Energie existiert und Studien methodisch schwach sind. Häufige Probleme sind kleine Stichproben mit oft unter 50 Teilnehmenden sowie eine fehlende Verblindung (Heiler oder Patienten wissen von der Behandlung). Hinzu kommt die Selektionsbias, d.h. dass sich nur solche Probanden für diese Studien melden, die daran glauben und möglicherweise auch dann positive Effekte angeben, wenn sie keine erleben.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die große Heterogenität in den Studien. Es werden sozusagen Äpfel mit Birnen verglichen. Welche Faktoren betrifft das? werden unterschiedliche Verfahren eingesetzt und verglichen? Oder haben die Teilnehmer unterschiedliche Beschwerden? 

Nebenwirkungen werden nur in seltenen Fällen aufgeführt. Skeptiker gehen davon aus, dass es bei positive Wirkungen auch Nebenwirkungen geben muss. Im Regelfall werden die Studien zudem von Befürwortern durchgeführt, was zu Verzerrungseffekten führen könnte oder negative Ergebnisse nicht publiziert werden.

Fazit

  • Die Wissenschaft kann eine eindeutige Zuordnung, ob Remote Healing nun hilft oder nicht, nicht eindeutig beantworten.
  • Es gibt Hinweise für kleine bis mittelgroße Effekte in Laboren und verschiedenen Behandlungspraxen. Diese haben jedoch häufig methodische Schwächen und sind meist nicht reproduzierbar.
  • Studien deuten auf eine Besserung von vor allem Schmerzsymptomen und psychologischen Parametern hin, aber weitere und hochwertige Forschung ist nötig, um Klarheit zu schaffen.

Bis dahin kann man gegenüber Remote Healing offen sein, sollte aber etwas Skepsis mitbringen: Holistische Ansätze müssen nicht unbedingt schaden, könnten auch helfen. Aktuell sollten sie aber nur ergänzend zu etablierten Therapieverfahren angewendet werden.

  1. Radin DI. Event-Related Electroencephalographic Correlations between Isolated Human Subjects. The Journal of Alternative and Complementary Medicine 2004; https://doi.org/10.1089/107555304323062301
  2. Storm L et al. Meta-Analysis of Free-Response Studies, 1992–2008: Assessing the Noise Reduction Model in Parapsychology. Psychological Bulletin 2010; https://doi.org/10.1037/a0019457
  3. Astin JA et al. The Efficacy of “Distant Healing. Annals of Internal Medicine 2000; https://doi.org/10.7326/0003-4819-132-11-200006060-00009
  4. Radin D et al. Distant Healing Intention Therapies: An Overview of the Scientific Evidence. Global Advances in Health and Medicine 2015; (Suppl.) https://doi.org/10.7453/gahmj.2015.012.suppl
  5. Roe CA et al. Two Meta-Analyses of Noncontact Healing Studies. EXPLORE 2015; https://doi.org/10.1016/j.explore.2014.10.001

Peter Niemann arbeitet als Geriater, Internist und Integrativmediziner vor allem in den USA. Der Autor einer Reihe von Gesundheitsratgebern bietet aber auch Beratungen zu Anti-Aging, Anti-Entzündung, Testosteronmangel und vielen anderen Themen an.

www.drpeterniemann.de

peterniemann@hotmail.de