MikrobiomHautkrankheiten und Möglichkeiten der mikrobiologischen Diagnostik und Therapie

Viele Hauterkrankungen stehen im Zusammenhang mit dem Mikrobiom. Deshalb sollte auch immer ein Auge auf den Darm geworfen werden.

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3D-Illustration: Bakterien auf der Haut
Anusorn/stock.adobe.com
Die Besiedlung der Haut mit Bakterien wird durch das Zusammenspiel der mikrobiellen Gemeinschaft, die jeweiligen Umweltbedingungen und das verfügbare Nährstoffangebot beeinflusst.

Bei Störungen im Erscheinungsbild der Hautoberfläche ist es bemerkenswert, dass es offenbar eine Beziehung gibt zwischen dem, „wie ich mich in meiner Haut fühle“, und wie sich das auf der Haut widerspiegeln kann. Mit anderen Worten heißt das: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Psyche und Haut, mentalem Befinden und Haut sowie organischem Leiden und dem Erscheinungsbild der Haut.

Wenn man das Ganze unter einem physiologischen Blickwinkel betrachtet, fokussiert man darauf, wie gut die äußeren Grenzflächen in der Lage sind, ihrer Schutzfunktion nachzukommen. Pathophysiologisch – also wenn die Haut leidet – bedeutet das: Die Grenzflächen (nämlich die Strukturen, die uns umhüllen, nach außen definieren und stabilisieren) sind dabei übermäßig durchlässig, der gezielte Transport ist gestört und als Konsequenz entwickelt die Haut bestimmte Symptome.

Funktionen der Haut

Bei der Vorbereitung dieser Übersicht über die Erkrankungen der Haut ist mir wieder bewusst geworden, wie viele Funktionen die Haut erfüllt und wie sehr über die Haut auch Berührung, Kontakt, Beziehung und Intimität erfahrbar sind und gelebt werden können. Das bedeutet Empfinden, Sensorik, Trost, Anteilnahme, Freude, aber auch z. B. gemeinsames Erleben. Überall können der direkte Hautkontakt und die Berührung das Empfinden intensivieren und prägen damit (durch eine entsprechende neuronale Verschaltung) unser Erleben.

Wir alle legen Wert darauf, dass unsere Haut intakt ist, und es zählt zu unseren therapeutischen Aufgaben, unsere Patienten mit erkrankter und geschädigter Haut in ihrem Heilungsprozess zu begleiten und zu unterstützen, damit sie wieder eine intakte schützende Grenzfläche nach außen herstellen und stabilisieren können.

Wenn wir uns vor Augen halten, wie viele Menschen schon allein das Erröten in peinlich empfundenen Situationen stört oder wie unangenehm z. B. die pubertäre Akne für die Betroffenen ist, so ist klar, welch große Bedeutung die Behandlung von Hautkrankheiten in unserer täglichen Praxis hat. Ganz abgesehen davon stören Hautkrankheiten i. d. R. nicht nur die Optik, sondern gehen häufig auch mit Schmerzen und/oder Juckreiz einher. Zudem sind sie offene Türen für alle möglichen opportunistischen Erreger, die eine geschädigte Haut befallen und oberflächliche, tiefe oder sogar systemische Entzündungen auslösen können.

Hauptbestandteile der Haut sind Wasser, fettspaltende Enzyme, Hornzellen, Talg und Schweiß, des Weiteren Harnsäure und Harnstoff, bakterizide Peptide, Elektrolyte und Fettsäuren, was Bakterien auch als Nahrungsquelle nutzen.

Unsere Mikrobiota wird durch ihre Besiedlung des Grenzflächenorgans Haut zum Mitgestalter der Regulationsprozesse und dient uns somit als „mikrobieller Schutzmantel“. Die durchschnittlich etwa 2 Quadratmeter große Hautoberfläche des Menschen beherbergt normalerweise mehr Bakterien, als Menschen auf der Erde leben. Dabei befinden sich die meisten Bakterien in der obersten Hautschicht und den Haarfollikeln (meist Propioni-, Corynebakterien und Staphylokokken).

Die Besiedlung der Haut mit Bakterien wird sowohl durch das Zusammenspiel der mikrobiellen Gemeinschaft als auch durch die jeweiligen Umweltbedingungen und das verfügbare Nährstoffangebot beeinflusst. Dies zeigt sich u.a. daran, dass sich in trockenen Hautarealen wie der Fingerkuppe oder dem unteren Rücken nur etwa 100 Bakterien pro Quadratzentimeter nachweisen lassen, während in feuchteren und damit bakterienfreundlicheren Regionen wie Stirn oder Achselhöhlen bis zu 1 Mio. Bakterien pro Quadratzentimeter vorkommen können. Nebenbei wirken v.a. die Propionibakterien aktiv auf den Haut-pH ein, z.B. durch Spaltung der Fettsäuren aus den Talgdrüsen, wobei sie dadurch auch den Säureschutzmantel stabilisieren.

Zusammengenommen sind die Funktionen der Haut also sehr komplex. Die Haut schützt und bewahrt den Menschen, sie definiert uns nach außen und verleiht unserer Persönlichkeit einen Rahmen. Zudem beeinflusst die unbedeckte Haut den sog. ersten Eindruck. Sie kann Stimmungen wie leichtes Erröten anzeigen und dient nicht zuletzt der Repräsentation, was auch das Betonen der Haut durch Schminken, Piercings, Schmuck und Tattoos zeigt. Sie schützt effektiv vor einem Eindringen unerwünschter Erreger, vor allem in geschädigten Arealen, d.h. allgemein in offenliegenden Stellen.

Überblick über die vielfältigen Funktionen der Haut

  • Die Haut dient der Isolation (Schutz vor Umwelteinflüssen und dem Eindringen von Noxen wie Krankheitserregern, Chemikalien und schwacher elektromagnetischer oberflächlicher Strahlung wie UV-C und UV-B), der thermischen Regulation, dem mechanischen Schutz (z.B. Abfedern von Stößen) sowie als Abgrenzung nach außen.
  • Sie arbeitet als Sinnesorgan (registriert und verarbeitet Druck, Berührung, Vibration, Schmerz), wobei sie durch die neuronale Verschaltung unterscheiden kann, ob man sich selbst berührt oder die Berührung durch jemand anderen erfolgt.
  • Sie ist für die Thermoregulation verantwortlich, indem sie z.B. „Verdunstungskälte“ beim Schwitzen produziert bzw. „Gänsehaut“ auslöst, also der Versuch der Verkleinerung der Oberfläche durch Zusammenziehen und Vasokonstriktion der Arteriolen beim Schutz vor Kälte.
  • Sie bildet bei Berührung Endorphine, Serotonin und andere körpereigene Boten- und Signalträger und durch bakterielle Zersetzung von Schweiß auch Pheromone, die als Geruchsstoffe wahrnehmbar sind.
  • Sie scheidet in geringem Umfang Stoffwechselprodukte und Giftstoffe aus und sondert schützenden Talg ab.
  • Sie absorbiert Sonnenlicht (wobei das Melanin UV-Strahlen in Wärme umwandelt) und „aktiviert“ Dehydrocholesterol zu Vitamin D.
  • Sie bildet den Säureschutzmantel, also u.a. Ansiedlungsschutz und Infektabwehr pathogener oder potenziell pathogener Keime. Der saure pH-Wert ist sowohl an der Haut als auch an den Schleimhäuten ein wichtiger Faktor für die sog. Kolonisationsresistenz, das heißt, pathogene Keime können effektiv abgewehrt bzw. ein potenzieller Overgrowth mit pathogenen bzw. potenziell pathogenen Organismen kann verhindert werden.

Störungen der Haut

Als besonders störend wird erlebt, wenn die Haut im normalerweise unbedeckten Bereich geschädigt ist, z.B. durch Pickel, Neurodermitis, Hautausschläge oder Warzen. Mit den sichtbaren Symptomen werden gleichzeitig systemische Prozesse unter der Haut ausgelöst bzw. gehen damit einher. Umgekehrt findet man die Auslöser bzw. Chronifizierungsfaktoren einer Dermatose auch „unter der Haut“, z.B. als Folge einer systemischen Störung.

Das bedeutet: Die äußeren Grenzflächen verlieren zumindest teilweise im betroffenen Bereich ihre Barrierefunktion. Dadurch alarmieren sie die Strukturen des Immunsystems, die im Bereich der inneren Grenzflächen lokalisiert sind und die ersten Entzündungsreaktionen hervorrufen. Diese wiederum sind systemisch vernetzt und lösen je nach Krankheitsbild im gesamten Körper immunologische Prozesse aus. Das hat wiederum Folgen für die Funktion der gesamten körpereigenen Grenzflächen, die v.a. darin besteht, zu entscheiden, was in den Körper hinein darf bzw. was außerhalb bleiben soll oder sogar abgesondert, aussortiert und ausgeschieden werden muss.

Diese Barrierestörung der Grenzflächen kann von außen nach innen und umgekehrt verlaufen. Beispiele für mögliche Krankheitsausbreitungen sind:

  • von außen nach innen: Furunkel, Ekzem, Abszess, aufsteigende Entzündung, Sepsis etc.
  • von innen nach außen: allergische Reaktionen, Akutreaktion (Typ-I-Allergie), Anaphylaxie, chronische Immunantwort (z. B. Typ-III- und Typ-IV-Allergie), Bildung von spezifischen IgG-Antikörpern gegen Lebensmittel, Histaminintoleranz etc., Auslöser einer Hautkrankheit wie Pruritus, Exanthem, Neurodermitis, Urticaria (Nesselsucht)

Bei all diesen Grenzflächenproblemen ist die Funktion der Haut bzw. der Schleimhaut, die für den geordneten Transport von Botenstoffen und den Transfer durch intakte Zellen sorgt, nicht mehr gewährleistet.

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Heilung der Haut

Die Heilung der Haut wird von Zellen der spezifischen und unspezifischen Immunabwehr in Kooperation mit speziellen Epithel- und Schleimhautzellen gesteuert und bewerkstelligt. Besondere Bedeutung kommt dabei den Langerhans-Zellen, den M-Zellen (mikrogefaltete Zellen, deren äußere Kontaktfläche durch die Faltung vergrößert ist) und den dendritischen Zellen zu. Alle 3 Zelltypen gehören der unspezifischen Immunabwehr an. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie Zytokine bereitstellen und antigen wirksame sowie als körperfremd erkannte Strukturen und abgestorbenes Zellmaterial phagozytieren und ggf. opsonieren (d.h. immunologisch aufbereiten, sodass es als zu beseitigendes Material für unsere Immunabwehr erkennbar wird). Durch diese Prozesse lösen sie die Bildung, Freisetzung und Anschwemmung pro- und antiinflammatorischer Botenstoffe aus und locken die dafür verantwortlichen Immun- bzw. Entzündungszellen zum Einsatzort an. So entsteht das klassische Entzündungsbild:

  • Elektrolyteinstrom und Wassereinlagerungen führen zu Ödemen.
  • Hormone und Vitamine steigern den Stoffwechsel und bedingen durch den erhöhten Bluteinfluss und die Temperaturerhöhung die klassische Rotfärbung des entzündeten Gewebes (Calor und Rubor).
  • Die neuroaktiven Transmitter gehen einher mit Schmerzen und eingeschränkter Funktion (Dolor und Functio laesa).

All diese Prozesse laufen vernetzt ab, das heißt, die Mikrobiota greift gestaltend in die Immunantwort ein. Dort, wo die gesunde ansässige Hautmikrobiota gestört wird (z.B. durch Verletzungen, Insektenstiche oder Milieuveränderungen wie trockene und rissige Haut), können pathogene Keime (wie Bacillus anthracis, Staphylococcus aureus oder Streptococcus pyogenes) eindringen und sich vermehren. Gleichwohl können sich fakultativ pathogene Keime vermehren und zu weiteren Symptomen beitragen. Hierbei wird die „Normalflora“ verdrängt und in ihrer Funktion gestört. Immunkompetente Bakterien (der immunspezifische Enterococcus faecalis und die immunkompetente Escherichia coli, die für jeden Menschen so spezifisch sind wie ihr Daumenabdruck) versuchen eine geordnete Entzündungsreaktion zu ermöglichen, was bei chronisch-entzündlichen Hautleiden leider i. d. R. aus dem Ruder läuft [18][19].

Allgemein gilt: Zellen des Immunsystems sorgen „geprimt“, also angeregt durch das Vorhandensein von Bakterien und deren Stoffwechselprodukten, für den gerichteten Austausch zwischen den körpereigenen Grenzflächen. Damit greifen sie aktiv in den Heilungsprozess ein bzw. besiedeln das pathologisch gestörte Milieu.

Auf die Haut bezogen zeigen sich Störungen der Immunantwort z.B. als neurodermitisartige Entzündung, wie wir im Patientenbeispiel sehen werden. Sie können aber auch andere Krankheitsbilder wie eine tatsächliche Neurodermitis, Psoriasis, Akne, Rosazea, Urticaria, Warzen, Sklerodermie oder Ekzeme hervorrufen.

Diagnostik

Da hinter Störungen, die sich auf der Haut sichtbar machen, oft eine „innere Ursache“ steckt, ist eine Stuhlanalyse zur Diagnostik der Schleimhautbesiedlung und deren Zustand sinnvoll [17][18][19][20][21][22][23]. Man erhält dadurch Informationen über die Störungen und Besiedlung der inneren Grenzflächen mit ihren neuroendokrinologischen, immunologischen und metabolischen Auswirkungen. Durch eine ungünstige Zusammensetzung der Mikrobiota auf Haut und Schleimhaut können z. B. vermehrt proinflammatorische Zytokine freigesetzt werden, die zusammen mit einer opportunistischen bakteriellen Besiedlung eine Entzündung weiter aufrechterhalten.

Gleichzeitig gewinnt man mit der Diagnostik einen Ansatz für eine komplementäre Therapie mit Pro- und Präbiotika und erhält Hinweise auf eine sinnvolle Ernährungsmodifikation, um die gereizte und gestresste Haut „von innen heraus“ zu entlasten und zu heilen.

In meiner folgenden Fallvorstellung möchte ich die Wechselwirkungen des Ökosystems Haut/Schleimhaut/Immunsystem am Fall eines hartnäckigen Hautausschlags bei einer 59-jährigen Patientin aufzeigen und Strategien zur Diagnose und Therapie vorstellen.

Fallbeispiel: Neurodermitisähnliche Symptome

Die Hautsymptomatik bei der 59-jährigen Patientin begann als juckendes, schuppendes Exanthem, das zuerst im Genitalbereich und am Schienbein aufgetreten war. Die Hautproblematik verschlimmerte sich innerhalb weniger Monate und breitete sich auf Oberschenkeln, Gesicht und in den Hautfalten aus. Es bestand viel privater und beruflicher Stress mit mehreren Auslandsaufenthalten. Sie äußerte spontan, sie „fühle sich nicht wohl in ihrer Haut“.

Die Diagnose der Uniklinik-Hautambulanz lautete „psoriatiforme neurodermitisähnliche Dermatitis“. Es wurden 4 unterschiedliche Präparate verordnet, darunter topisches und orales Cortison, was zu einer kurzfristigen Verbesserung des Exanthems führte. Nach Absetzen der Präparate war die Dermatitis wieder genauso schlimm wie vorher.

Anamnese

Etwa 8 Monate nach Erstmanifestation kam die Patientin zur Erstvorstellung in meine Praxis. Zu diesem Zeitpunkt waren Handgelenke, Handinnenflächen, retroaurikuläre Region und Nasolabialfalte betroffen. Der Stuhlgang war eher durchfallartig; als Nebenbefund bestand seit 10 Jahren eine Anosmie.

Die Patientin gab an, im Vorschulalter häufiger unter Tonsillitiden gelitten zu haben. Nachdem die Mandeln entfernt wurden, gab es kaum mehr „Erkältungsbeschwerden“. Vor 2 Jahren brachen kurz aufeinander spontan 2 Wirbel. Die durchgeführte Knochendichtemessung ergab keine eindeutigen Ergebnisse wie Osteoporose o.Ä. Auffällig war ein wechselhafter Stuhlgang mit mehrtägigen Obstipationsphasen im Wechsel mit wiederkehrender Diarrhö von bis zu 5 Entleerungen täglich. Zusätzlich berichtete die Patientin über häufiges Völlegefühl, übelriechende Flatulenzen sowie bekannte Hämorrhoiden, die derzeit lediglich gelegentlich Pruritus verursachten. Eine routinemäßige Darmspiegelung ergab weder Zeichen einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung noch einen Hinweis auf eine floride Entzündung oder Neoplasien.

Folgende Labor-Untersuchungen wurden von mir angefordert bzw. waren auffällig:

  • Vitamin D, Kalziumspiegel, Parathormon: o. B.
  • Thyroxinspiegel: leicht erniedrigt
  • Stuhldiagnostik, Verdauungsrückstände im Stuhl:
    • o.B.: Fett, Stickstoff, Wasser, Anteil Iso-Fettsäuren, Pankreas-Elastase, sekretorisches IgA, EPX
    • erniedrigt: Gallensäuren und β-Defensin
  • Permeabilitätsmarker: Zonulin erhöht, α-Antitrypsin normal
  • Entzündungsmarker: Lactoferrin, Calprotectin und Lysozym im Normbereich

Zusammen mit der Stuhlsymptomatik und dem Ausschluss anderer Ursachen, die für die gestörte Darmpassage hätten ursächlich sein können, lag die Diagnose „Leaky-Gut-Syndrom“ nahe.

Mikrobiologische Stuhldiagnostik

Die immunmodulierende Mikrobiota war leicht erniedrigt, und zwar sowohl die immunkompetenten Enterokokken als auch E. coli. In diesem Falle reichten diese nicht aus, um ihre Schutzfunktion optimal aufrechtzuerhalten, wodurch keine ausgeglichene geordnete Immunreaktion erfolgen konnte, da vor allem das Mucosaimmunsystem geschwächt war [17][18][19][20][21][22]. In der Gruppe der protektiven Mikrobiota waren die H2O2-Bilder (Lactobacterium acidophilis, Lactobacillus gasseri, Lactobacillus crispatus und Lactobacillus jenseni) nicht nachweisbar, was zu einer mangelnden Ansäuerung des Darmmilieus führte. Bestimmte Enzyme (z.B. eiweißabbauende Proteine, aber auch Lipasen und Gallensäuren) arbeiteten in diesem Milieu nicht optimal, und Enterobakterien bekamen „Oberwasser“, weil die Gegensteuerung fehlte. Zusätzlich blieb die leicht desinfizierende Wirkung des Wasserstoffperoxids aus.

Gänzlich fehlend war die Gruppe der muconutritiven Mikrobiota (Akkermansia muciniphila), während Faecalibacterium prausnitzii nur leicht erniedrigt war. Das bedeutete, dass der Schleimfilm nicht optimal nachgeliefert werden konnte, was einerseits eine zusätzliche mechanische Belastung für die Darmwand darstellte und andererseits den Abtransport von darin gelösten Abfallstoffen störte. Ebenso konnte die Schleimhaut nicht ausreichend mit Buttersäure versorgt werden (die vor allem von Faecalibacterium prausnitzii gebildet wird), was einem „Leaky-Gut-Syndrom“ Vorschub leistete.

Deutlich erhöht war noch der pH: Durch eine zu hohe Enterobakterienanzahl (Proteolyten mit Alkalisierung ihres Milieus durch ihre Abbauprodukte) konnten die Enzyme nicht im optimalen Bereich arbeiten, wodurch die Enterobakterien im Wachstum begünstigt wurden, was wiederum den Schutzbakterien zusetzte.

Therapie

Folgende Therapie wurde eingeleitet:

  • mikrobiologische Therapie:
    • Symbiolact comp. 2 × 1 Tütchen/Tag zur Milieustabilisierung (Defensin-Produktion, Verdrängung anderer Bakterien durch Beteiligung an Verstoffwechselung der Nährstoffe und dabei Stabilisierung des pH-Wertes und Bildung von Bakteriziden durch die Stoffwechselprodukte der Milchsäurebakterien)
    • Prosymbioflor 2 × 20 Tropfen/Tag, bis die Flasche aufgebraucht war, danach
    • Symbioflor 1, 2 × 20 Tropfen/Tag (beides zur Steigerung der schleimhautansässigen Immunabwehr, v. a. gesteigerte Produktion von sIgA) und
    • Symbioflor 2, ausgehend von 2 × 1 Tropfen/Tag (bei guter Verträglichkeit) langsam, evtl. täglich steigern bis auf 2 × 20 Tropfen/Tag zur Stabilisierung der Immunsituation, u. a. durch eine Verringerung der Histaminfreisetzung durch Bindung der Colibakterien an Rezeptoren der Mastzellen und basophilen Granulozyten
    • Eine E.-coli-Autovaccine wurde in Auftrag gegeben.
  • homöopathische Therapie: Mezereum C200, 1 Globulus direkt, dann für 3 Tage 1 Globulus aufgelöst in einer Flasche stillem Wasser
  • topische Therapie: eine medizinische Hautpflege mit einer Hautemulsion; bei Störungen im Hautbild mit abgetöteten immunkompetenten Enterokokken (SymbioDermal) und Spray mit effektiven Mikroorganismen EM (mehrmals täglich)

Zweitvorstellung

Das Hautbild war insgesamt eher schlechter, da sich das Exanthem an den Beinen ausgebreitet hatte. Der Befund an den Händen hatte sich deutlich, der Juckreiz mäßig gebessert. Sie fühlte sich matt, da sie in der letzten Zeit den Tod der Mutter verarbeiten musste und es „viel zu tun“ gab.

Wir besprachen die Laborergebnisse und vereinbarten die Einnahme der Autovaccine sowie die Fortsetzung der begonnenen mikrobiologischen Therapie. Als homöopathische Begleitung verordnete ich Ignatia C200 (1 Globulus) und nach 2 Wochen die Einnahme von Mezereum C200 (1 Globulus). Ignatia wurde eingesetzt wegen der geistig emotionalen Konstitution (Trauerarbeit).

Dritter Termin

Die Patientin war fast symptomfrei – der Hautbefund hatte sich deutlich, vor allem an den Beinen, gebessert. Zusätzlich war der Stuhlgang nun meist geformt und Durchfälle bestanden nur noch selten. Nach ihren Angaben hatte sie die Pro-, Prä- und Postbiotika zuverlässig eingenommen.

Fallbeispiel: Pruritus und Neurodermitis mit rezidivierenden Atemwegsinfekten

Das 3-jährige Kind wurde per Sectio entbunden und nach anfänglichen Stillproblemen für 6 Monate voll gestillt. In den ersten 3 Monaten nach der Entbindung waren nachmittägliche Schreiattacken wegen heftiger Bauchkoliken die Regel, die nur schwer, wenn überhaupt, durch Simethicon beeinflussbar waren. Mit der Zahnung (7. Monat) traten dann erstmals neurodermitische Veränderungen auf, vorher war nach Aussage der Eltern die Haut nur trocken und wurde regelmäßig geölt.

Bei der Erstvorstellung hatte das Kind deutliche Zeichen einer floriden Neurodermitis (entzündete Herde an den Außenseiten der Beine und an den Beugeseiten der Arme) mit Kratzspuren. Das Kind habe immer wieder mit rezidivierenden Atemwegsinfekten zu kämpfen, und der Juckreiz wäre vor allem nachts sehr stark.

Verordnung von Probiotika

Bei der Verordnung von Probiotika sollte man sich an der absolut enthaltenen Zellzahl (> 1 Mrd. KBE/Dosis), dem Vorhandensein wasserstoffperoxidbildender Lactobakterien (L. acidophilus, L. crispatus, L. jeneri, L. gasseri) und einer nicht zu hohen Zahl unterschiedlicher potenziell konkurrierender und möglicherweise hemmender Spezies orientieren, um die günstigen Effekte auf eine mikrobiologische Homöostase nicht zu dämpfen.

Die Stuhlanalyse der Mikrobiota zeigte deutliche Lücken der protektiven Mikrobiota (Lactobakterien) sowie der immunkompetenten Zellen (immunkompetenter E. coli leicht vermindert, Enterococcus faecalis deutlich vermindert). Die schleimhautassoziierte Mikrobiota war weitgehend unauffällig: Akkermansia muciniphila war lediglich leicht vermindert, Faecalibacterium prausnitzii lag im Normbereich und die bakterielle Diversität war insgesamt erhalten. Auch die Zahl der Enterobakterien befand sich im Referenzbereich; Pilze waren nicht nachweisbar und der Stuhl-pH war unauffällig [17][18][19][20][21][22]. Die Mutter gab an, das Kind esse viel und gern Gemüse und Obst.

Ich rezeptierte für das Kind als topische Intervention Luvos Heilerde, sowohl die Wasch- als auch die Körperlotion. Die Haut sollte vor dem Eincremen mit effektiven Bakterien (Firma MikroVeda) großzügig besprüht, luftgetrocknet und anschließend mit der Salbe bzw. Lotion eingecremt werden. Zusätzlich empfahl ich die Einnahme von Symbiolact comp. (gefriergetrocknete Lactobakterien), 2 × täglich ein halbes Tütchen in Joghurt oder Wasser aufgelöst, und Symbioflor 1, 2 × täglich 10 Tropfen.

Hinweis: Alternativ zu den Präparaten von Symbiopharm gibt es mittlerweile gerade für Milchsäurebakterien auch von anderen Herstellern gute Präparate (z.B. Nutrimmun).

Bei der nächsten Vorstellung des Kindes 3 Monate später war die Haut abgeheilt und Erkältungen waren trotz aktueller Infektionssaison in der Kita seitdem nicht aufgetreten. Die Therapie sollte dennoch für weitere 3 Monate fortgeführt werden, um das Resultat zu stabilisieren.

Das Fallbeispiel zeigt eindrücklich, dass eine mikrobiologische Therapie die gesamte immunologische Resilienz fördern kannn.

Wichtiger Hinweis!

Die in diesem Beitrag beschriebenen medizinischen Sachverhalte und Therapien ersetzen keine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin/einen Arzt. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist ausgeschlossen.

Dr. med. Jutta M. Karthein studierte Humanmedizin an der medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes mit Approbation und Dissertation im Institut für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie und Hygiene. Derzeit ist sie niedergelassen in eigener Praxis in Rodenkirchen. Ihre Schwerpunkte sind Homöopathie, Kinesiologie, mikrobielle Therapie und Psychotherapie.

Interessenkonflikt: Die Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.

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