FatigueNaturheilkunde und Integrative Medizin bei Cancer-Related Fatigue

Bewegung, Stressreduktion, Ernährung, Akupressur, Phytotherapie: Naturheilkundliche Maßnahmen können Fatigue-Symptome bei einer Krebserkrankung lindern.

Inhalt
Ginsengwurzel auf einem Blatt auf einem Holzuntergrund
wasanajai/stock.adobe.com
Mehrere klinische Studien zeigen Symptomverbesserungen auf krebsbedingte Fatigue durch Ginseng-Präparate.

Der häufig auftretende Symptomenkomplex der tumorassoziierten Fatigue (engl. Cancer-Related Fatigue, CRF), bei Krebspatient*innen wurde im Jahr 2001 als medizinische Diagnose in die Internationale Diagnoseverschlüsselung „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD 10)“ aufgenommen [1].

Fatigue wird als „ein belastendes, persistierendes, subjektives Gefühl von körperlicher, emotionaler und/oder kognitiver Müdigkeit oder Erschöpfung in Zusammenhang mit einer Krebserkrankung oder deren Behandlung definiert, das nicht in angemessenem Verhältnis zur stattgefundenen Aktivität steht und die normale Leistungsfähigkeit beeinträchtigt“ [2].

Bei der tumorassoziierten Fatigue wird eine akute, tumor- und behandlungsbegleitende sowie eine chronische Form unterschieden [3]. Eine chronische Fatigue betrifft ca. ⅓ der Brustkrebspatientinnen, auch nach Abschluss der primären Krebstherapie. Insgesamt leiden 50–90 % der Krebspatient*innen, die sich einer Behandlung unterziehen, unter CRF [4]. Diese kann bis zu 10 Jahre nach Abschluss der Therapie nachgewiesen werden und wird als am stärksten belastendes Symptom erlebt. Psychoaffektive Faktoren (z.B. Depressivität, Angst) und Schmerzen scheinen es zu begünstigen [3][5][6][7]. Begleitend auftretende Symptome können Schmerzen, psychische Störungen wie Schlafstörungen und kognitive Störungen sein [3][8]. Betroffene sind gegenüber Gesunden deutlich in ihrer Lebensqualität, Alltagsbewältigung und Berufsausübung eingeschränkt [3][5][9].

Definition

Man spricht von einer tumorbedingten Fatigue, wenn innerhalb von 2 Wochen täglich oder fast täglich starke Müdigkeit oder Energiemangel, sozialer Rückzug sowie mindestens 5 der folgenden Symptome auftreten: Schwäche, Minderung der Konzentration, Mangel an Motivation, übermäßiges Schlafbedürfnis, wenig erholsamer Schlaf, Zwang zur Aktivität, Reizbarkeit, Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags, Kurzzeitgedächtnisstörungen oder Unwohlsein nach körperlicher Anstrengung – ohne dass eine psychische Erkrankung wie Depression, Somatisierungsstörung oder Delirium diagnostiziert wird [1][10].

Entstehung der Fatigue

Die Ätiologie der tumorassoziierten Fatigue ist unklar. Aufgrund der Variabilität des Symptomenkomplexes wird ein multifaktorielles Geschehen angenommen [3]. Zu den potenziellen Einflussfaktoren gehören der Tumor selbst, die Folgen der Therapie, die genetische Prädisposition, begleitende somatische oder psychiatrische Erkrankungen sowie Verhaltens- und Umweltfaktoren [11][12].

Auch die Fehlregulation der Zytokin-gesteuerten Homöostase oder der hormonellen bzw. vagal-neuronalen Immunsteuerung von Serotonin oder Adenosintriphosphat wird diskutiert [13], ebenso wie eine Dysregulation inflammatorischer Zytokine, eine Störung hypothalamischer Regelkreise, Veränderungen im serotonergen System des Zentralnervensystems, Störung der zirkadianen Melatonin-Sekretion und des Schlaf-Wach-Rhythmus sowie Genpolymorphismen für Regulationsproteine der oxidativen Phosphorylierung, der Signaltransduktion in B-Zellen, der Expression proinflammatorischer Zytokine und des Katecholamin-Stoffwechsels [14].

Als Ursachen der häufig stark verminderten körperlichen Leistungsfähigkeit werden Veränderungen in kortikalen und spinalen Zentren der Sensomotorik und des muskulären Erregungs- und Energiestoffwechsels beschrieben [15][16][17]. Diese Form der Erschöpfung beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich und kann zu Depressionen führen.

Therapie

In der Behandlung der Cancer-Related Fatigue gibt es derzeit keine medizinische Standardbehandlung. Der Fokus liegt hauptsächlich auf nicht pharmakologischen Interventionen. Verschiedene Formen der körperlichen Aktivität wie moderates Ausdauertraining, Yoga und Tai Chi haben sich als bedeutsame therapeutische Optionen zur Linderung von CRF etabliert, gestützt durch eine wachsende Anzahl wissenschaftlicher Belege [18][19][20][21][22][23][24][25][26][27].

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Bewegung und Entspannung

Eine 2018 veröffentlichte Metaanalyse von 245 Studien hat die Effektivität von körperlicher Aktivität und anderen nicht medikamentösen Maßnahmen auf CRF untersucht. Sie zeigte, dass einige dieser Maßnahmen, insbesondere Entspannungstechniken, während der Krebsbehandlung sehr wirksam sind, nach der Behandlung jedoch an Bedeutung verlieren. Es scheint vorteilhaft zu sein, die körperliche Aktivität nach der Krebsbehandlung zu steigern. Yoga wurde als besonders vorteilhaft sowohl während als auch nach der Krebsbehandlung identifiziert. Aerobic und kombiniertes Aerobic-Widerstandstraining, mit einem etwas niedrigeren Effektniveau als Yoga, könnten eine Option sein [20].

Achtsamkeit und Yoga zeigen ebenfalls eine solide Evidenz [21][22][23][24]. Stressreduzierende Interventionen führen zu einer Abnahme der Fatigue im Rahmen u.a. der Besserung der Stimmungslage [25]. Meditation, Yoga, Tai Chi und kognitive Verhaltenstherapie werden zur Linderung der Symptome von CRF empfohlen [20][26][27].

Laut der ersten S3-Leitlinie „Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen“ sollen körperliche Aktivität und Sport zur Behandlung von CRF empfohlen werden. Tai Chi, Qi Gong und Yoga sollten, Akupunktur, Akupressur und achtsamkeitsbasierte Stressreduktion können empfohlen werden [28].

Die Clinical Practice Guidelines in Oncology des National Comprehensive Cancer Network (NCCN) 2024 zur CRF empfehlen zu den nicht pharmakologischen Interventionen Bewegungsprogramme zur Verbesserung der funktionellen und körperlichen Leistungsfähigkeit, psychosoziale sowie achtsamkeitsbasierte Stressreduktionsprogramme zur Unterstützung der Stressbewältigung. Darüber hinaus werden Energiesparstrategien, Ernährungsberatung, Schlafmanagement, Akupunktur und Akupressur, Yoga und Massage empfohlen. Zusätzliche Evidenz gibt es für Ernährungsberatung, kognitive Verhaltenstherapie (CBT) bei Schlaflosigkeit und Therapie mit hellem Weißlicht (BWLT) [29]. Diese verschiedenen Interventionen stehen im Einklang mit den Empfehlungen der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) [30] und der Amerikanischen Gesellschaft für Klinische Onkologie (ASCO) [31]. Diese Therapien erfordern jedoch die konsequente, regelmäßige Durchführung durch die Patient*innen, um eine Wirksamkeit zu erzielen.

Akupunktur und Akupressur

Akupunktur und Akupressur könnten hilfreiche Alternativen für Menschen sein, die Schwierigkeiten haben, ihre Lebensgewohnheiten zu ändern. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass Veränderungen des Lebensstils nach wie vor die wichtigste und effektivste Empfehlung bleiben. In den Händen von qualifiziertem Gesundheitspersonal gilt Akupunktur als sichere Behandlung [32][33][34][35][36].

Die Akupressur wäre relativ einfach zu verbreiten – mit begrenztem bis mittlerem Zeitaufwand und nicht ressourcenintensiv –, da sie eine Stimulation von 9 Punkten für je 3 Minuten täglich für 6 Wochen, also etwa 30 Minuten pro Tag, erfordert und Krebsüberlebenden leicht beigebracht werden kann [36].

Akupressur nach Zick et al. [45]

Folgende Punkte jeweils 3 Minuten stimulieren, insgesamt kontinuierlich 27 Minuten, 1 x täglich:

  • Yin Tang - Auf der ventralen Medianlinie, zwischen den Augenbrauen
  • Anmian - In der Mitte der Verbindungslinie von Gb20 (auf der Haargrenze, zwischen den Muskelansätzen des Trapezius und Sternocleidomastoideus) und Mastoid.
  • Punkt Herz 7 Shen Men oder „Pforte der Geisteskraft“ - An der Innenseite des Handgelenks. Mit den Fingern an der Handgelenkfalte entlangfahren (von der Daumenseite zum kleinen Finger), der Punkt liegt auf dem Knochen.
  • Punkt Milz 6 San Yin Jiao oder „Kreuzung der 3 Yin“ - 4 Querfinger oberhalb des Innenknöchels, dorsal der medialen Tibiakante
  • Punkt Leber 3 Tai Chong - auf dem Fußrücken in der Vertiefung des Winkels zwischen dem 1. und dem 2. Mittelfußknochen

Ernährung und Phytotherapie

Bezüglich Nahrungsergänzungsmittel wurden in einer systematischen Überprüfung aus dem Jahr 2022 die Effekte verschiedener Interventionen bei 1569 Brustkrebspatientinnen in 13 randomisierten kontrollierten Studien untersucht. Es wurde die Wirksamkeit der Kombination von körperlicher Aktivität mit Nahrungsergänzungsmitteln sowie von körperlicher Aktivität allein im Vergleich zu einer Kombination aus körperlicher Aktivität und diätetischen Maßnahmen bewertet. Die Studie ergab, dass die Kombination aus körperlicher Aktivität und diätetischen Maßnahmen signifikante Verbesserungen in Bereichen wie kardiorespiratorische Fitness, Muskelkraft, Körperzusammensetzung, Lebensqualität, Erschöpfung, Angst, Depression und Schlaf zeigte [37].

Mistelextrakte (Viscum album L.) wurden zur Behandlung von CRF eingesetzt [38]. Ihre mögliche Rolle bei der Verbesserung der CRF könnte mit ihrer immunmodulatorischen Wirkung in Zusammenhang stehen [39]. Im Jahr 2022 zeigte die Behandlung mit Mistelextrakten in einer Metaanalyse mit 12 randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) mit 1494 Teilnehmenden und eine Metaanalyse mit 7 retrospektiven, nichtrandomisierten Studien zu Interventionen (NRSIs) mit 2668 Teilnehmenden eine mäßige Wirkung auf CRF, die ähnlich groß ist wie körperliche Aktivität [40].

Ginseng ist die Wurzel von Pflanzen der Gattung Panax, z.B. Asiatischer Ginseng (Panax ginseng) und Amerikanischer Ginseng (Panax quinquefolius L.). Roter Ginseng ist ein Verarbeitungsprodukt aus Asiatischem Ginseng (Panax ginseng), das durch Dämpfen und Trocknen gewonnen wird.

Ginsenosidhaltige Ginsengextrakte könnten theoretisch die Entwicklung hormonempfindlicher Tumoren fördern. In-vitro- und Tierstudien deuten darauf hin, dass einige Amerikanischer-Ginseng-Extrakte östrogenartige Wirkungen haben könnten [41][42]. Ginsengextrakte, die keine oder nur geringe Konzentrationen an Ginsenosiden enthalten, scheinen keine östrogenartige Wirkung zu haben [43].

Alle 3 Ginsengarten scheinen gut verträglich zu sein, wie ein systematisches Review von 940 Patient*innen mit verschiedenen Krebsarten aus 7 klinischen Studien und einer retrospektiven Studie zeigt:

  • Demnach reduziert Amerikanischer Ginseng, der mehr als 5 % Ginsenoside enthält, in einer Dosis von 2000 mg/Tag über einen Zeitraum von bis zu 8 Wochen signifikant die krebsbedingte Müdigkeit.
  • Asiatischer Ginseng, der ≥ 7 % Ginsenoside enthält, linderte die Symptome bei der Mehrheit der Patient*innen mit CRF bei einer Dosis von 400 mg/Tag.
  • Koreanischer Ginseng in einer Dosis von 3000 mg/Tag über 12 Wochen reduzierte die Symptome von CRF.

In einem systematischen Review und einer Metaanalyse von 12 Studien, an denen 1302 Krebspatient*innen teilnahmen, reduzierte Ginseng die CRF signifikant um 60 %. Oral eingenommener Amerikanischer Ginseng kann bei einer Dosis von 2 g täglich über mindestens 4 Wochen die Fatigue um 65 % reduzieren. Mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind zu beachten [44].

Fazit

Dieser Artikel betont die Vielfalt der naturheilkundlichen und integrativmedizinischen Ansätze zur Behandlung von Cancer-Related Fatigue. Diese Ansätze sollten nicht als Ersatz, sondern als wertvolle und notwendige Ergänzung zu konventionellen Therapieformen gesehen werden. Eine individualisierte Behandlung, die spezifische Bedürfnisse der Patient*innen berücksichtigt, ist essenziell.

Für die Zukunft sollte der Fokus auf der Entwicklung und Implementierung komplexer, multimodaler Interventionsprogramme liegen, die sich mit verschiedenen therapeutischen Ansätzen befassen. Ob die Interventionen persönlich, in Gruppen, online oder über eine App erfolgen sollten, bleibt eine offene Frage und sollte als Inspiration für die Weiterentwicklung dienen.

Allgemeine Empfehlungen für Patient*innen

Bewegung

tägliche Bewegung in den Alltag integrieren; bei Bedarf individuelle Trainingspläne erstellen lassen:

  • Moderates Intervalltraining hat sich als besonders effektiv erwiesen. Es kombiniert Phasen intensiverer Aktivität mit Erholungsphasen und kann ohne Überforderung die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern. Die Intensität und Dauer sollten jedoch entsprechend den individuellen Fähigkeiten gesteuert werden.
  • Widerstandstraining, das sowohl Kraft- als auch Dehnübungen umfasst, kann helfen, die Muskulatur zu stärken und die allgemeine Erschöpfung zu reduzieren. Ein strukturiertes, langsam aufgebautes Programm unter der Anleitung von Fachleuten ist wichtig, um Verletzungen zu vermeiden.
  • Ein besonderes Augenmerk wird auf die angemessene Regeneration nach dem Training gelegt. Dies schließt Ruhepausen, ausreichend Schlaf und Techniken zur Stressbewältigung ein. Die Balance zwischen Bewegung und Ruhe ist entscheidend für den Erfolg.
  • Technologieunterstützte Programme wie Apps und tragbare Geräte können dabei helfen, den Fortschritt zu verfolgen und die Motivation zu erhalten. Virtuelle Trainingsprogramme, die von zu Hause aus durchgeführt werden können, bieten Flexibilität und Zugänglichkeit.
Entspannung
  • tägliche Entspannungsübungen wie Yoga, Qi Gong oder achtsamkeitsbasierte Stressreduktion
Struktur
  • den Tag strukturieren und Prioritäten setzen
Energiemanagement
  • die verfügbare Energie für den Tag so einteilen, dass weder Unter- noch Überforderung entsteht
  • Führen eines Energietagebuchs
Akupressur
  • Akupressur zur gezielten Stimulation von 9 Punkten für insgesamt 27 Minuten pro Tag [45]

Kraftbrühe

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) hat die Kraftsuppe bereits seit über 2000 Jahren ihren festen Platz als unterstützende Maßnahme.

Zutaten
  • 1 frisches Huhn
  • 300–500 g Möhren
  • 1–2 Stangen Porree
  • 300–500 g Sellerie
  • 1 Bund Petersilie
  • 1 Handvoll ganzer Walnüsse
  • 1–2 Süßkartoffeln
  • 3–4 Tomaten
Zubereitung

Alle Zutaten bis auf die Petersilie in einem Topf mit 5, besser 10 Litern Wasser zum Kochen bringen. Dann auf kleinster Flamme 8–12 Stunden köcheln lassen. Gegebenenfalls etwas Wasser nachgießen, in der letzten halben Stunde wird die Petersilie mitgekocht. Die Brühe wird abgegossen (Fettaugen dürfen abgeschöpft werden). Das Fleisch kann mitgegessen werden. Im Kühlschrank ist die Brühe 5–7 Tage lang haltbar.

Zu jeder Mahlzeit eine warme bzw. heiße Tasse Brühe vorwegtrinken.

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Dr. med. Marcela Winkler ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren, spezielle Schmerztherapie, anthroposophische Medizin, Palliativmedizin und Akupunktur. Sie ist zertifizierte Therapeutin in Mind-Body-Medizin sowie zertifiziert in Integrativer Medizin in der Onkologie (AGO e.V.). Seit 2023 ärztliche Leitung des Robert Bosch Centrums für Integrative Medizin und Gesundheit (RBIM).

Interessenkonflikt: Die Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.