
Tumor-assoziierte Fatigue: große Herausforderung für Betroffene
Die Diagnose und die Therapie einer Krebserkrankung stellen Betroffene und deren Umfeld vor große Herausforderungen. Immerhin hat sich die Wirksamkeit moderner Krebstherapien in den letzten Jahrzehnten deutlich erhöht. Viele Krebsarten sind heute gut heilbar. Vor rund 40 Jahren waren die Überlebenschancen bei Krebs deutlich geringer – weniger als die Hälfte der Betroffenen überlebten die ersten 5 Jahre nach Diagnose. Heute liegt die Fünfjahres-Überlebensrate dank medizinischem Fortschritt bei etwa 70 %.
Auch wenn die Krebstherapien heute wirksamer sind, sie sind für Betroffene weiterhin belastend und können mit erheblichen Nebenwirkungen einhergehen. Dazu zählt auch die Tumor-assoziierte Fatigue (Synonym: tumorbedingtes Fatigue-Syndrom, englisch: Cancer Related Fatigue). Diese schwere Energielosigkeit kann durch die Krebserkrankung selbst ausgelöst worden sein, tritt aber meist als Nebenwirkung der Krebsbehandlung auf, zum Beispiel im Rahmen einer Chemotherapie. Zwischen 70 und 90 % der Krebskranken berichten über Fatigue nach Beginn der Krebstherapie, bei einem Drittel bleiben die Beschwerden auch nach deren Ende bestehen.
Die Fatigue macht sich durch körperliche, mentale und seelische Beschwerden bemerkbar. Betroffene klagen unter anderem über Muskelschwäche, Konzentrations- und Gedächtnisschwäche, reduzierte Belastbarkeit, Niedergeschlagenheit oder Schlafstörungen. Es gibt gute Gründe, diese einschränkenden Belastungen zu lindern. Nicht nur um die Lebensqualität der Krebskranken zu steigern. Eine anhaltende Fatigue könnte sich auch negativ auf die Prognose der Krebserkrankung auswirken [1].
Naturheilkunde bei Tumor-assoziierter Fatigue: Was die Leitlinie rät
Ärzt*innen orientieren sich bei ihren Empfehlungen an den medizinischen Leitlinien. Diese werden von Fachgesellschaften erstellt und regelmäßig aktualisiert und fassen evidenzbasierte Therapieoptionen zusammen. Den Einsatz der Naturheilkunde bei Krebs bespricht die S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen. Die Autor*innen der Leitlinie ordnen die möglichen naturheilkundlichen Maßnahmen bei der Tumor-assoziierten Fatigue 3 Empfehlungsstärken zu:
- Unbedingt empfohlen werden sollen Sport und körperliche Bewegung.
- Meditative Bewegungsformen wie Tai-Chi, Qigong oder Yoga sollten empfohlen werden.
- Weitere Optionen wie Akupunktur, Akupressur, MBSR (Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion) oder die Einnahme von Ginseng (Panax ginseng) müssen nicht, können aber empfohlen werden [2].
Ginseng als nachhaltiges Stärkungsmittel
Ginseng ist ein bekanntes Tonikum und zählt zu den sogenannten adaptogenen Heilpflanzen, die unsere Belastbarkeit und Stressresistenz erhöhen können. Klinische Studien haben gezeigt, dass Ginseng bei krebsbedingter Fatigue unterstützend wirken kann [3]. Hier zeigte sich, dass Ginseng kein Stimulans wie zum Beispiel Kaffee ist, das die subjektiven Empfindungen der Erschöpfung kurzzeitig lindert. Ginseng wirkt in erster Linie regulierend, unter anderem auf die Stressreduktion, die Energieproduktion in den Mitochondrien, die Immunantwort und eventuelle Entzündungsprozesse. Diese Wirkungen könnten in der Summe nicht zu einer kurzfristigen Erleichterung, sondern zu einer nachhaltigen Verbesserung der Fatigue führen.
Ginseng bei Tumor-assoziierter Fatigue anwenden
Die Einnahme von Ginseng sollte bei der Tumor-assoziierten Fatigue nur nach ärztlicher Rücksprache erfolgen. Im Gespräch mit einem Therapeuten kann dann geklärt werden, in welcher Form Ginseng eingenommen werden soll. Auf dem Markt sind diverse Nahrungsergänzungsmittel erhältlich – deren Qualität ist jedoch schwer zu beurteilen.
Eine gute Option – das Einverständnis von ärztlicher Seite vorausgesetzt – ist die Teezubereitung:
- Hierfür bis zu 3-mal täglich 1 TL getrocknete Ginsengwurzel (Ginseng radix) aus der Apotheke mit ¼ Liter siedendem Wasser übergießen und zugedeckt 15 Minuten lang ziehen lassen.
- Bei dieser Dosierung sind nach heutigem Kenntnisstand keine Neben- und Wechselwirkungen bekannt und keine Gegenanzeigen zu berücksichtigen [4].
Sowohl ESCOP, Kommission E und HMPC begrüßen den Einsatz von Ginseng bei Erschöpfung und nachlassender Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit. Eine explizite Empfehlung bei Tumor-assoziierter Fatigue fehlt in deren Monografien noch. Eine Anwendung bei dieser Indikation kann aber mit den positiven Erfahrungen der Erfahrungsheilkunde und der oben erwähnten Leitlinie begründet werden.
Bitte beachten
Fühlen sich Krebspatient*innen erschöpft, muss hierfür nicht unbedingt die Tumor-assoziierte Fatigue verantwortlich sein. Gründe für die Energielosigkeit können auch Anämie, Störungen im Hormonsystem (zum Beispiel der Schilddrüse), Funktionsstörungen der Leber oder Nieren, Herzerkrankungen oder Depressionen sein. Es ist daher wichtig, dass eine während der Krebstherapie auftretende Erschöpfung zunächst mit dem Arzt besprochen wird. Dieser kann mithilfe orientierender Untersuchungen wie einem Bluttest die Ursache ausmachen.
Und zum Schluss
Die Behandlung von Krebserkrankungen hat in den letzten Jahrzehnten gewaltige Fortschritte gemacht. Nicht nur die Erkrankung selbst, sondern auch die Nebenwirkungen, die im Rahmen einer Krebstherapie auftreten, sind heute besser behandelbar. Dafür hat auch die Integration von ganzheitlichen, naturheilkundlichen Maßnahmen in das Behandlungskonzept gesorgt. Dazu zählt auch die Phytotherapie, die mit dem Ginseng eine schlagkräftige Option gegen die Tumor-assoziierte Fatigue bietet.
Wichtiger Hinweis!
Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.
Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.
- Thong MSY, van Noorden CJF, Steindorf K et al. Cancer-Related Fatigue: Causes and Current Treatment Options. Curr Treat Options Oncol 2020; doi: 10.1007/s11864-020-0707-5. Erratum in: Curr Treat Options Oncol 2022; 23(3):450-451
- Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF). S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen. https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/komplementaermedizin/ (Zugriff am 3.9.2025)
- Lemke EA. Ginseng for the Management of Cancer-Related Fatigue: An Integrative Review. J Adv Pract Oncol 2021; doi: 10.6004/jadpro.2021.12.4.5
- Blaschek W, Ebel S, Hackenthal E et al. Panax. Hagers Enzyklopädie der Arzneistoffe und Drogen. Stuttgart: WVG/Springer; 2014
Sebastian Vigl
Heilpraktiker mit dem Therapieschwerpunkt Phytotherapie


