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Sanguinaria canadensis L. (syn. Chelidonium maximum canadense, Sanguinaria acaulias, S. grandiflora, S. minor, S. vernalis), Kanadische Blutwurz (syn. Blutwurz, Kanadische Blutwurzel) ist eine traditionell genutzte Heilpflanze aus der Familie der Papaveraceae. Sowohl das Kraut als auch die Wurzeln enthalten ein breites Spektrum an Alkaloiden mit vielfältigen medizinischen Anwendungsmöglichkeiten. Die Ureinwohner Nordamerikas entdeckten früh die pharmakologischen Eigenschaften der Wurzel, die zu den wichtigsten Bestandteilen der Medizin der indigenen Bevölkerung im östlichen Nordamerika gehörte. Später übernahmen europäische Siedler die Anwendung, insbesondere in der Volksheilkunde zur Behandlung von Erkältungskrankheiten [1][2].
Namensursprung
Die Gattungsbezeichnung Sanguinaria leitet sich vom lateinischen Wort sanguis (Blut) ab und bezieht sich auf den roten, blutähnlichen Saft, der aus der Wurzel und den Stängeln der Pflanze nach Verletzung austritt. Die charakteristische Farbe des Saftes gab der Pflanze sowohl ihren wissenschaftlichen als auch ihren volkstümlichen Namen Blutwurz. Das Art-Epitheton canadensis verweist auf den geografischen Ursprung der Pflanze, die in Kanada und den östlichen Bundesstaaten der USA beheimatet ist [2][3].
Botanik
Sanguinaria canadensis L. ist der einzige bekannte Vertreter seiner Gattung. Die Pflanze gehört zur Familie der Papaveraceae (Mohngewächse), die 19 Gattungen und 129 anerkannte Taxa umfasst [4]. S. canadensis ist eine mehrjährige krautige Pflanze, die im zeitigen Frühjahr austreibt. Sie erreicht eine Höhe von 15–30 cm, ist zur Blütezeit jedoch typischerweise nur halb so hoch.
Jede Pflanze besteht aus einem einzigen Blatt, das fest um eine Blütenknospe gewickelt ist und sich öffnet, sobald die Blüte erscheint. Die nierenförmigen Blätter sind palmenartig mit 5–9 abgerundeten Lappen angeordnet und mit einem weißlich-grauen Flaum bedeckt.
Die Blüten sind weiß und wachsen an einzelnen Stielen, die eine Höhe von bis zu 20 cm erreichen. Jede Blüte hat 8–10 Blütenblätter, die in mehreren Reihen angeordnet sind, mit goldfarbenen Staubblättern in der Mitte. Blutwurz-Blüten öffnen sich tagsüber und schließen sich nachts; ihre Blütezeit dauert nur wenige Tage. Die Bestäubung erfolgt durch Bienen und andere Insekten. Erfolgt innerhalb von 3 Tagen keine Fremdbestäubung, findet eine Selbstbestäubung statt.
Blutwurz-Samen sind mit einem lipidreichen Anhang (Elaiosom) ausgestattet, der Ameisen anlockt, welche die Samen in ihre Nester tragen. Dort finden die Samen ideale Bedingungen zur Keimung, da die Nester nährstoffreich sind. Diese symbiotische Beziehung wird als Myrmekochorie bezeichnet. Blutwurz wächst v. a. in Wäldern, an Waldrändern und schattigen Bachufern in Nordamerika, von Nova Scotia bis Florida und westlich bis Manitoba und Texas. Die winterharte Pflanze bevorzugt gut durchlässige, sandig-lehmige Böden und gedeiht am besten in halbschattigen Bereichen. Ihre Vermehrung erfolgt durch Samen, Wurzelteilung oder Blattstecklinge. Der rote alkaloidreiche Saft, der bei Verletzung des Rhizoms austritt, schützt die Pflanze vor Fraßfeinden [5].
Inhaltsstoffe
S. canadensis enthält eine Vielzahl von Alkaloiden, deren Konzentration stark vom Pflanzenteil, von Umweltfaktoren, geografischer Herkunft und der Jahreszeit abhängt. Die Wurzeldroge enthält ca. 2,7–9% Benzylisochinolin-Alkaloide, wobei der Anteil von Sanguinarin etwa 36% und der von Chelerythrin etwa 33% beträgt. Weitere wichtige Alkaloide sind α- und β-Allocryptopin, Berberin, Celliutin, Chelirubin und Sanguirubin [6]. Nur minimale Alkaloidmengen weisen Blätter und Blüten auf. Ältere Pflanzen zeigen tendenziell höhere Alkaloidkonzentrationen [7]. Phytosterole und Triterpene wurden ebenfalls nachgewiesen [8].
Ethnopharmakologie und traditionelle Verwendung
Die Ureinwohner Amerikas verwendeten den Milchsaft und die Wurzeldroge von S. canadensis unter den Namen „poughkone“ und „puccoon“ v. a. als Rohstoff für die Herstellung eines Farbstoffs, der mit Walnussöl oder Bärenschmalz gemischt wurde. Die Bemalung des Körpers mit dieser Zubereitung sollte magische Eigenschaften vermitteln. Die Wurzel verwendeten amerikanische und französische Färbereien als Färbemittel noch bis Ende des 19. Jahrhunderts [1][7].
Die in S. canadensis enthaltenen Alkaloide besitzen vielfältige pharmakologische Eigenschaften. Beschrieben wurden antiseptische, abführende, harntreibende, menstruationsfördernde, auswurffördernde, fiebersenkende, krampflösende, stimulierende und tonisierende Effekte. Daher wurde die Droge in der traditionellen Heilkunde im Verbreitungsgebiet als Tee oder inhalierbares Pulver zur Behandlung von Erkältungen, Verstopfungen und Halsschmerzen vielseitig eingesetzt [9].
Europäische Siedler übernahmen viele dieser medizinischen Anwendungen und nutzten die Droge zur Behandlung von Atemwegserkrankungen wie Asthma, Keuchhusten und Tuberkulose. In kleinen Dosen wirken Zubereitungen der Wurzeldroge beruhigend, insbesondere auf die Bronchialmuskulatur, während sie in größeren Mengen stimulierend und brechreizfördernd wirken. So wurden Zubereitungen v. a. als Expektorans und zur Linderung von Atemwegserkrankungen wie Asthma und Bronchitis verwendet bzw. man stellte aus dem Saft der frischen Wurzel und Ahornzucker Lutschtabletten her, die bei Halsschmerzen eingesetzt wurden. Weitere Anwendungsgebiete umfassten die Behandlung von Diphtherie, Tuberkulose und Menstruationsbeschwerden.
Äußerlich wurde der Saft zur Wundbehandlung bei Infektionen sowie zur Behandlung von Warzen, Ekzemen und gutartigen Tumoren verwendet. Das getrocknete Wurzelpulver setzte man bei Nasenpolypen ein. Eine Tinktur aus Blutwurz, Rosenwasser und Essig nutzte man zur Behandlung von Ekzemen und Haarausfall [5][7].
Anfang des 19. Jahrhunderts gelangte die Wurzeldroge nach Europa und wurde mit gleichen oder ähnlichen Indikationen in den offizinellen Arzneischatz aufgenommen. Im Vordergrund standen dabei die Nutzung in hoher Dosierung als Emetikum bzw. Purgans sowie in geringer Dosierung als Stimulans, Diaphoretikum und v. a. als Expektorans. Der Britische Pharmazeutische Codex führt noch 1923 die Anwendung von Zubereitungen der Wurzeldroge als Expektorans bei chronischer Bronchitis auf. Ab etwa Mitte der 1930er-Jahre wurde dann die Droge in Europa fast nur noch in der Homöopathie und traditionell als „Botanical“ angewendet [10]. Gegenwärtig umfasst die traditionelle Anwendung neben den bereits erwähnten Indikationen v. a. die Verwendung der „Black Salve“ (Cansema®), einer Salbenzubereitung [11], die heute noch in der alternativen Tumortherapie verwendet wird. Allerdings warnt die FDA vor deren Anwendung, da Wirksamkeit und Unbedenklichkeit nicht erwiesen sind [12].
Wirkungen und Anwendungen
Antibakterielle Wirkung
Die Alkaloide von S. canadensis besitzen antimikrobielle Eigenschaften. Extrakte aus den Rhizomen, traditionell zur Behandlung von Magen-Darm-Erkrankungen eingesetzt, wiesen eine antibakterielle Wirkung gegen Helicobacter pylori auf. Dabei wurden Sanguinarin, Chelerythrin und Protopin als aktive Bestandteile identifiziert [13]. In-vitro-Untersuchungen zeigten auch eine antibakterielle Wirkung der Alkaloide gegenüber Mykobakterien [14] und Trypanosomen. Protopin und Allocryptopin wirken anthelminthisch, insbesondere bei parasitären Infektionen, wie Bilharziose und Befall mit Fadenwürmern der Gattung Strongyloides. Darüber hinaus weisen Sanguinarin und Protopin vielversprechende antivirale Effekte auf, unter anderem gegen HIV, Herpesviren und das Parainfluenzavirus [7].
Sanguinarin ist auch gegen antibiotikaresistente Bakterien wie Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) wirksam [15]. In Kombination mit EDTA und Vancomycin konnten additive und synergistische Effekte gegen multiresistente Bakterien beobachtet werden [16]. Damit wurden ethnomedizinische Anwendungen von Drogenzubereitungen bestätigt, allerdings fehlen nach wie vor klinische Belege für eine evidenzbasierte Therapie.
Sanguinarin, das Hauptalkaloid in der Droge, wurde lange Zeit wegen seiner antibakteriellen Wirkung zur Hemmung der Plaquebildung in Zahnpasten und Mundspülungen in der Dentalmedizin verwendet [5]. Neuere Studien haben allerdings widersprüchliche Ergebnisse erbracht und deuten auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Verwendung von Produkten mit S. canadensis und einer präneoplastischen Läsion (Leukoplakie) hin [17]. In Nordamerika wurden daher wegen des möglichen krebserregenden Potenzials entsprechende Zahncremes und Mundspüllösungen vom Markt genommen.
Antitumorale Wirkung
Für die Alkaloide aus S. canadensis wurden in zahlreichen In-vitro-Untersuchungen antitumorale Effekte beschrieben, insbesondere für Sanguinarin und Chelerythrin. Darüber hinaus haben Sanguilutin und Chelilutin in niedrigen Konzentrationen ebenfalls zytotoxische Aktivität gezeigt. Sanguinarin interagiert über Interkalation mit der DNA und hat einen Bindungskoeffizienten, der mit den Anthrazyklin-Wirkstoffen Daunorubicin und Doxorubicin vergleichbar ist. Außerdem hemmt es die DNA-Polymerase und induziert damit DNA-Strangbrüche, was letztlich zum Zelltod führt. Es verhindert auch die Reparatur von DNA-Strangbrüchen durch Depletion der nukleären Topoisomerase II [7]. Zusätzlich hemmt Sanguinarin die Tumorangiogenese, indem es die VEGF-induzierte Proliferation und Migration von Endothelzellen unterdrückt. Dadurch wird die Bildung neuer Blutgefäße, die für das Tumorwachstum erforderlich sind, verhindert. Sanguinarin verringert auch die Tumorzellinvasion, indem es die Aktivität von Matrix-Metalloproteinasen (MMPs) hemmt, die an der Zerstörung der extrazellulären Matrix und der Förderung der Tumorzellmigration beteiligt sind [18]. Chelerythrin zeigte insbesondere bei Tumoren mit überaktivem mTOR-Signalweg eine antiproliferative Wirkung [7].
All diese Effekte sind in Summe Grundlage für die antitumorale Wirkung von Drogenzubereitungen aus S. canadensis. Zusätzlich wurde gezeigt, dass Sanguinarin die Apoptose in UVB-geschädigten HaCaT-Keratinozyten induziert [19]. Durch die Eliminierung von UV-geschädigten Zellen und die Verringerung von UV-induzierten entzündlichen Veränderungen soll Sanguinarin vor der Entwicklung von Hautkrebs schützen [7]. Diese In-vitro-Untersuchungen stehen allerdings im Widerspruch zu klinischen Beobachtungen, die bei der therapeutischen Anwendung der bereits erwähnten Schwarzen Salbe („black salve“) gemacht wurden [20] [21]. Diese Zubereitung enthält neben S. canadensis auch Zinkchlorid und wird als escharotisch wirkende Salbe charakterisiert, d. h. dass die behandelten Hautpartien „verbrennen“. Dadurch stirbt das Gewebe ab, es bildet sich ein schwarzer, trockener Schorf, ähnlich einer Verbrennung, der sich schließlich ablöst. In der Literatur sind vereinzelt ärztliche Fallberichte zu finden, die über Heilungserfolge bei Hauttumoren berichten [22]. Bis heute werden entsprechende Präparate mit dem Hinweis auf eine lange therapeutische Tradition im Internet beworben, allerdings auch verstärkt auf damit verbundene Risiken hingewiesen. Die Diskussion zum Einsatz von Zubereitungen aus S. canadensis ist widersprüchlich und deren Begründung beruht zumeist auf In-vitro-Experimenten und wenigen Fallberichten. Für eine unbedenkliche Selbstmedikation eignet sich die Schwarze Salbe nicht, da auch keine relevante klinische Studie publiziert wurde.
Entzündungshemmende Wirkung
Die in der Droge enthaltenen Alkaloide zeigten in verschiedenen In-vitro-Studien pharmakologische Effekte, die mit entzündungshemmenden Eigenschaften korreliert werden können.
So blockiert Sanguinarin die Aktivierung von NF-κB und verringert die Expression von Zelladhäsionsmolekülen wie ICAM-1 und VCAM-1, wodurch die Migration von Neutrophilen zu Entzündungsherden gehemmt wird. Protopin hemmt die Produktion von proinflammatorischen Mediatoren, wie Stickstoffmonoxid, Prostaglandin E2 sowie der Zytokine IL-1β, IL-6 und TNF-α. Im Vergleich zu Acetylsalicylsäure wies Protopin eine dreifach stärkere entzündungshemmende Wirkung auf. Chelerythrin reduziert die Synthese von COX-2 bzw. PGE2 und hemmt die 5-Lipoxygenase [7].
All diese Effekte lassen eine Wirksamkeit bei entzündlichen Erkrankungen erwarten, allerdings liegen dazu keine aktuellen klinischen Untersuchungen vor. Lediglich eine Übersichtsarbeit zu klinischen Studien aus dem Jahr 1990 verweist auf eine Hemmung von Zahnfleischentzündungen bei Nutzung von Zahnpasten und Mundwässern mit einem Extrakt aus S. canadensis [ 23]. Wie bereits erwähnt, wurden diese Produkte aber wegen des Nebenwirkungspotenzials 2001 vom Markt genommen [17]. Eine neuere tierexperimentelle Untersuchung an Ratten zur Wirkung von Sanguinarin demonstrierte eine Verbesserung des Zustandes bei zerebraler Ischämie, wobei diese Wirkung auf die entzündungshemmende und anti-apoptotische Eigenschaft von Sanguinarin zurückgeführt wird [24].
Weitere pharmakologische Wirkungen
Vor allem die aus der Droge isolierten Alkaloide wurden vielfältig in pharmakologischen Tests untersucht. Dabei ist ein erstaunlich breites Wirkungsspektrum dokumentiert, das allerdings (bisher) noch keine Entsprechung in geeigneten klinischen Studien gefunden hat. So zeigt Sanguinarin in vitro gefäßerweiternde Effekte, die sowohl durch Wechselwirkung mit α1- und α2-Adrenozeptoren als auch durch eine Blockade von Angiotensin II am Rezeptor vermittelt werden sollen. Dieses Alkaloid wirkt auch positiv inotrop durch Hemmung der Na+-K+-ATPase am Herzen. Protopin und Allocryptopin blockieren verschiedene Ionenkanäle [7] und hemmen die Acetylcholinesterase [25]. Darüber hinaus hemmt Sanguinarin Enzyme wie die Aminopeptidase A, Dipeptidylpeptidase IV und Aminopeptidase N, die an entzündlichen Prozessen, Tumorinfiltration und Virusinfektionen beteiligt sind [26]. Protopin und Sanguinarin besitzen gerinnungshemmende Eigenschaften, wobei Protopin selektiv die Synthese von Thromboxan A2 und Sanguinarin die Produktion von Thromboxan B2 hemmt [7]. Protopin zeigt tierexperimentell neuroprotektive Effekte im Schlaganfallmodell, da es den Glutamatspiegel im Gehirn reduziert und die Aktivität von antioxidativen Enzymen wie der Superoxiddismutase erhöht [27]. Postuliert wird auch eine antidepressive Wirkung, da es sowohl den Serotonin-Transporter als auch den für Noradrenalin im Rattenmodell hemmt [28]. Im Tiermodell konnte weiterhin für Chelerythrin gezeigt werden, dass es eine experimentell induzierte Insulinresistenz überwinden kann, indem dieses Alkaloid die Phosphorylierung des Peroxisom-Proliferator-aktivierten Rezeptors gamma (PPAR-γ) blockiert [29].
Veterinärmedizinische Anwendung
Zubereitungen aus der Wurzeldroge werden zur topischen Therapie des equinen Sarkoids, einer Tumorerkrankung der Haut u. a. bei Pferden, eingesetzt. Entsprechende Salben in England und den USA enthalten neben einem methanolischen Extrakt aus der Droge auch Zinkchlorid in Analogie zur Schwarzen Salbe [7]. Eine retrospektive Anwenderbefragung ergab eine Responderrate von ca. 85% [30]. Ähnliche Zubereitungen wurden auch zur Behandlung von Tumoren bei Hunden genutzt, allerdings mit beträchtlichen Nebenwirkungen [31]. Ein weiteres Einsatzgebiet der Droge sind phytogene Futterergänzungsmittel, insbesondere als Ersatz für Antibiotika zur Verbesserung der Wachstumsleistung. Ein entsprechendes Produkt mit Anteilen der Wurzeldroge, das auf einen Gehalt von ca. 1,5% Sanguinarin standardisiert ist, wird für verschiedene Tierarten, wie Schweine, Geflügel und Fische zur Leistungssteigerung bzw. Gewichtszunahme eingesetzt [7] [32]. Aufgrund von Bedenken hinsichtlich der Toxizität wurden 90-Tage-Fütterungsversuche mit dem Präparat und dem 50-fachen der empfohlenen Dosis von Sanguinarin und Chelerythrin an Ratten und Schweinen durchgeführt. Dabei zeigten sich weder genotoxische Schäden [33] noch eine DNA-Adduktbildung bei Schweinen, obwohl die Plasmaspiegel von Sanguinarin und Chelerythrin 0,11 bzw. 0,2 μg/ml erreichten [34]. Die Autoren verweisen auf Grundlage dieser Ergebnisse darauf, dass eine durchschnittliche tägliche orale Dosis beider Alkaloide bis zu 5 mg/kg Körpergewicht der Tiere als sicher gelten kann.
Anwendung in der Homöopathie
Für S. canadensis gibt es eine Monografie des Europäischen Arzneibuchs: Sanguinaria canadensis ad praeparationes homoeopathicas, bei der die im Herbst gesammelten, getrockneten, unterirdischen Pflanzenteile genutzt werden, sowie eine HAB-Monografie: Sanguinaria canadensis, ethanolisches Decoctum, mit dem gleichen Ausgangsmaterial und genutzt in der anthroposophischen Therapierichtung. Anwendungsgebiete sind dabei Erkrankungen des Zentralnervensystems (Migräne), der Augen, der oberen und unteren Atemwege, der weiblichen Geschlechtsorgane (v. a. im Klimakterium) sowie des Stütz- und Bewegungsapparates [1]. Ein homöopathisches Kombinationspräparat mit S. canadensis (C4) aus Frankreich wurde erfolgreich in einer klinischen Studie bei Wechseljahresbeschwerden von Frauen getestet [35]. Auch bei arthritischen Beschwerden konnten mit einem weiteren homöopathischen Kombinationspräparat, das S. canadensis (D4) enthält, in klinischen Studien entzündungshemmende Effekte nachgewiesen werden [36] [37].
Toxizität
Die Toxizität dieser Alkaloid-haltigen Droge ist nicht unerheblich und muss bei ihrem Gebrauch berücksichtigt werden. Sanguinarin, das Hauptalkaloid der Pflanze, interagiert mit der DNA und zeigt Eigenschaften eines Tumorpromotors. In der Gesamtschau haben die publizierten In-vitro- und In-vivo-Studien jedoch inkonsistente Ergebnisse zur Genotoxizität und Karzinogenese geliefert [38].
Während in den letzten Jahren viele In-vitro-Daten zu den Mechanismen der Toxizität von Alkaloiden aus S. canadensis publiziert wurden [7], sind tierexperimentell ermittelte Werte zur akuten Toxizität mehr als 30 Jahre alt. Die akute Toxizität von Sanguinarin und von 2 Alkaloidextrakten aus S. canadensis wurde an Ratten bestimmt. Die orale LD50 betrug für Sanguinarin 1658 mg/kg Körpergewicht und für die beiden Alkaloidextrakte 1440 und 1250 mg/kg KG. Die LD50 für Sanguinarin nach i. v.-Applikation wurde mit 29 mg/kg KG angegeben. Bei Fütterungsversuchen über 14 Tage mit bis zu 150 ppm Sanguinarin und bei Applikation von bis zu 0,6 mg Sanguinarin pro kg KG mit einer Magensonde über 30 Tage wurden keine toxischen Wirkungen beobachtet. Die akute dermale LD50 bei Kaninchen geben die Autoren mit ca. 200 mg/kg KG an [39].
Der Milchsaft von S. canadensis wirkt auf der Haut und Schleimhaut reizend, bis hin zur Blasenbildung. Für die lokale Anwendung von Zubereitungen der Droge bei Hauttumoren wird eine Sanguinarin-Konzentration unter 5 µM empfohlen, da höhere Konzentrationen nichtvorhersehbare toxische Effekte induzieren [40]. Es besteht jedoch weiterhin ein Bedarf an Humanstudien vor einer generellen Empfehlung zur Anwendung entsprechender Produkte. Bei oraler Aufnahme der Droge oder von Zubereitungen daraus kann es bei höherer Dosierung zu Reizungen und Schwellungen der Schleimhäute kommen, begleitet von Symptomen wie Erbrechen, Schwindel, Bradykardie, Sehstörungen, Mydriasis, starkem Durstgefühl und Lähmungen. Wechselwirkungen mit anderen Substanzen sind nicht bekannt [8].
Fazit
Wie für viele anderen Arzneipflanzen mit langer Tradition findet man in der wissenschaftlichen Literatur auch für S. canadensis eine Vielzahl von In-vitro-Daten, aber kaum klinische Belege für eine evidenzbasierte Anwendung von Drogenzubereitungen. Es existiert daher auch keine entsprechende HMPC-Drogenmonografie. Viele Publikationen beschäftigen sich mit den Hauptalkaloiden der Droge und ihren pharmakologischen Effekten, Drogenzubereitungen spielen nur eine untergeordnete Rolle.
Im Internet werden jedoch trotz Warnungen durch die FDA Nahrungsergänzungsmittel oder Botanicals, die S. canadensis enthalten, vielfältig beworben. Wegen möglicher Gesundheitsrisiken kann gegenwärtig eine phytotherapeutische Selbstmedikation mit Zubereitungen aus dieser Droge nicht empfohlen werden, obwohl das therapeutische Potenzial vielversprechend erscheint.
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Autoren
Prof. Dr. Dr. h. c. Matthias F. Melzig, Freie Universität Berlin, Institut für Pharmazie
Interessenkonflikt: Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.



