
Warum Heilpflanzen beim Einschlafen helfen können
Abends endlich zur Ruhe kommen – das klingt machmal leichter als es ist, stimmt’s? Viele Menschen liegen lange wach, weil die Gedanken noch kreisen oder der Körper einfach nicht abschalten und entspannen kann.
Heilpflanzen können hier eine sanfte Unterstützung sein. Sie wirken nicht wie ein starkes Schlafmittel, das einen „ausknockt“, sondern helfen dem Körper, von selbst zur Ruhe zu finden. Ihr großer Vorteil: Sie sind gut verträglich und machen nicht abhängig.
Fachgremien wie die Kommission E, die ESCOP oder der HMPC haben mehrere Pflanzen untersucht und ihre beruhigende Wirkung bestätigt. Drei, die ich selbst gerne mag, möchte ich Dir in diesem Artikel zeigen: Melisse, Passionsblume und Hopfen.
Wie wirken beruhigende Pflanzen im Körper?
Viele beruhigende Heilpflanzen greifen auf die eine oder andere Weise ins Nervensystem ein. Ein zentraler Botenstoff ist dabei GABA (Gamma-Aminobuttersäure). Er sorgt dafür, dass das Gehirn herunterfährt und die Anspannung nachlässt. Viele pflanzliche Inhaltsstoffe unterstützen diesen Prozess und wirken zusätzlich angstlösend.
Der Unterschied zu chemischen Schlafmitteln: Heilpflanzen lassen uns eher sanft in den Schlaf gleiten, statt den Schalter hart auf „aus“ zu stellen. Dadurch wird der Schlaf erholsam und man fühlt sich morgens nicht wie zerschlagen.
Melisse: Zitronenduft für Ruhe und guten Schlaf
Die Melisse (Melissa officinalis) ist optisch gesehen eher unscheinbar und dennoch fällt sie einem im Garten sofort ins Auge, weil so viele Bienen und andere Insekten sich in ihren Blättern und Blüten tummeln. Total verständlich, denn sie duftet einfach wahnsinnig gut. Wenn Du sie im Garten hast, verstehst Du was ich meine: Es entspannt mich schon allein, wenn ich sie etwas mit den Händen durchwuschle und den leckeren, zitronig milden Duft in mich aufsauge.
Natürlich bin ich nicht die Einzige, die das so empfindet. Melisse wird seit eh und je als entspannende, beruhigende, schlaffördernde, fröhlich stimmende, das Herz öffnende Heilpflanze eingesetzt. Und auch die wissenschaftlichen Fachgremien sind sich einig, denn die Kommission E, die ESCOP und das HMPC haben die Melisse als Heilpflanze bei nervöser Unruhe, Stressbelastung, Reizbarkeit und Einschlafstörungen positiv bewertet.
Verantwortlich für die positive Wirkung sind wohl vor allem das ätherische Öl, die Rosmarinsäure und Flavonoide.
Für die Anwendung gibt es verschiedene Möglichkeiten. Den Tee mag ich am meisten. Er ist nicht nur mild und wohlschmeckend, sondern eignet sich auch perfekt als kleines Abendritual:
Melissentee
Für einen Melissentee einfach 1 bis 2 Teelöffel getrockneter Blätter mit 200 ml heißem Wasser übergießen und etwa 10 Minuten abgedeckt ziehen gelassen.
Im Frühjahr und Sommer kann man auch die frischen Blätter für den Tee nutzen. Einfach eine kleine Handvoll in die Tasse geben.
Für unterwegs oder wer es praktischer mag, greift zur Tinktur oder zu Kapseln, die eine standardisierte Dosierung liefern. Die Pflanze gilt als sehr gut verträglich und Nebenwirkungen sind nicht bekannt.
Passionsblume: Schlafbringer mit indigenen Ursprüngen
Die Passionsblume (Passiflora incarnata) stammt ursprünglich aus Nordamerika und gilt dort als einheimische Heilpflanze, die in der indigenen Volksheilkunde eine lange Anwendungskultur hat.
Mit den sammelwütigen Botanikern des 17 Jh. kam die exotische Schönheit nach Europa, wo sie anfangs nur bestaunt, aber nicht zu heilkundlichen Zwecken verwendet wurde. Spannend finde ich ist, dass die Passionsblume im Ersten Weltkrieg zur Behandlung von Kriegsangst eingesetzt wurde. Ein gutes Beispiel für ihren beruhigenden Effekt bei seelischer Belastung.
Mittlerweile ist sie gut erforscht und auch die ESCOP, das HMPC und die Kommission E bestätigen die positive Wirkung bei Angespanntheit, innerer Unruhe, Nervosität, zum Einschlafen und bei Stresssymptomen und stellten eine Positivmonografie aus.
Für die Wirkung sind u.a. Flavonoide wie Chrysin und Apigenin verantwortlich. Sie wirken gezielt auf das GABA-System und unterstützen einen beruhigenden und angstlösenden Effekt. Die Passionsblume schützt außerdem die Nerven, was uns stressresistenter macht.
Als Tee sind keine Nebenwirkungen zu erwarten, er gilt als sehr gut verträglich.
Passionsblumentee
Für die Zubereitung nimmt man 1 bis 2 Teelöffel Kraut auf eine Tasse heißes Wasser und lässt den Aufguss etwa 10 Minuten abgedeckt ziehen.
Bei höher dosierten Präparaten kann es bei manchem Menschen zu Schläfrigkeit oder leichten Schwindel kommen, die bei Absetzen oder niedrigerer Dosierung wieder verschwinden.
Hopfen: Bittere Zapfen für entspannte Nächte
Vor unserem Haus rankt sich jedes Jahr eine Hopfenpflanze (Humulus lupulus) in den Ästen einer stattlichen Weide. Wenn ich im Sommer unter dem Blätterdach sitze und die kleinen Hopfenzapfen – der medizinisch genutzte Teil der Pflanze – über mir wie kleine Girlanden im Baum hängen, freue ich mich jedes Mal über dieses Bild. Es wirkt fast festlich, dabei sind die Zapfen viel mehr als nur hübsch anzusehen.
Die bitter-aromatisch schmeckenden Hopfenzapfen werden in der Volksheilkunde u.a. bei nervösen Einschlafbeschwerden, Reizbarkeit oder Melancholie verwendet. Und auch die Kommission E, das HMPC und die ESCOP bestätigen die beruhigende, schlaffördernde Wirkung und vergaben dem Hopfen eine positive Monographie für die Anwendung gegen innere Unruhe, Schlafstörungen, Anspannung, Angstzustände und Stressbelastung.
Für die Wirkung sind v.a. Bitterstoffe wie Humulon und Lupulon verantwortlich, aber auch ätherisches Öl und Flavonoide.
Als Tee ist er anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man Bitteres nicht gewohnt ist. Aber wer mutig ist, wird schnell belohnt, denn die Zunge gewöhnt sich sehr schnell an den Geschmack und reklamiert ihn sogar mit der Zeit.
Tee aus Hopfenzapfen
Für den Tee nutze ich 1 bis 2 Teelöffel der kleinen Zapfen (Lupuli strobulus), übergieße sie mit 200 ml heißem Wasser und lasse sie 15 Minuten abgedeckt durchziehen.
In diesem Artikel soll es um Tee gehen, aber natürlich gibt es Hopfen auch als Tinktur oder in Kapseln zu kaufen.
Wirkungsvolle Dosierung, Anwendungsdauer und Heilpflanzen clever kombinieren
Bei Heilpflanzen ist meist ein bisschen Geduld gefragt. Die Wirkung stellt sich nicht sofort nach einer Tasse Tee ein, sondern baut sich oft über mehrere Tage bis Wochen auf. Deshalb lohnt es sich, dranzubleiben und den Tee regelmäßig zu trinken. Eine gute Faustregel sind 2 bis 3 Tassen über den Tag verteilt und eine Tasse etwa 30 – 60 Minuten vor dem Schlafengehen. So gewöhnt sich der Körper an den beruhigenden Rhythmus und Du spürst den Effekt.
Die Anwendungsdauer ist in der Regel für diese 3 Heilpflanzen nicht begrenzt. Melisse, Passionsblume und Hopfen gelten als gut verträglich und können auch länger eingenommen werden. Wenn Schlafprobleme allerdings länger als 3 bis 4 Wochen bestehen bleiben oder sehr stark ausgeprägt sind, sollte man sicherheitshalber therapeutischen Rat einholen.
Auch die Kombination der 3 Heilpflanzen ist spannend, denn sie unterstützen sich gegenseitig und verstärken dadurch die beruhigende Wirkung. Mische die Heilpflanzen ganz nach deinem Geschmack. Wenn Du Bitteres noch nicht so gewohnt bist, gib anfangs etwas weniger Hopfen in die Mischung. Melisse und Passionsblume sind geschmacklich allerdings überhaupt nicht schwierig und werden von vielen Menschen gerne getrunken.
Fazit: Tee als sanftes Abendritual
Melisse, Passionsblume und Hopfen sind keine Wundermittel, die Deinen Kopf per Knopfdruck ausschalten. Aber sie können spürbar dabei helfen, ruhiger zu werden und besser einzuschlafen! Gerade als Tee mag ich sie gerne und die warme Tasse, der Duft und der leckere Geschmack werden zu einem kleinen Ritual, das den Tag abrundet. Probiere es einfach mal aus! Vielleicht wird die abendliche Tasse Tee auch für Dich zu einem liebgewonnenen Begleiter in die Nacht.
Wichtiger Hinweis!
Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine Apothekerin, einen Apotheker nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.
Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.
Ruby Nagel
Heilpraktikerin mit dem Schwerpunkt Pflanzenheilkunde


